Archiv für den Monat: Oktober 2016

 

Japan. Hochkultur. Tradition. Selbstmorde. Viele Menschen mit vielen Problemen. Und keiner mit dem man reden kann, niemand der zuhört. In keiner anderen Industrienation begehen so viele Menschen Selbsttötung wie in Japan. Es wirkt als seien Japaner besonders anfällig. Auf einen Selbstmord kommen zehn Selbstmordversuche. Das Ganze ist komplett außer Verhältnis zum Rest der Welt. Über die Gründe wird nicht gesprochen. 300.000 Japaner haben in den letzten 10 Jahren den Freitod gewählt. Ein junger Mann mit dem Pseudonym ‘Laine’ war so jemand, er schrieb bei Twitter, er wolle sich das Leben nehmen.

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14:19 / “Warte am Shin Koiwa”.

14:29 / “Der nächste Zug kommt erst vierzig nach?”.

14:32 / “Yukimy-Chan, es tut mir leid.” (Yukimy Sajo, die er um Verzeihung bittet, ist seine “Verlobte” aus einem angesagten japanischen Game. Sie ist 10 Jahre alt, 137 cm groß und wiegt 30 kg. Sie war sehr schwer zu erspielen, ihm gelang es).

14:35 / “Mir fehlt der Mut!”.

14:39 / Foto des Bahnsteigs samt Gleis.

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Niemand reagierte auf seine Twitter Einträge. Keine Likes. Kein Weiterleiten. Zeitgleich schrieb ‘Laine’ anonym in einem Forum für frustrierte Menschen.

14:24.27 / “Noch etwa 20 Minuten?”.

14:24.44 / “Hab das Gymnasium hinter mir, ich bin ein NEET, ein gleichgültiger Beobachter”. (NEET – Not in Education, Employment or Training. Also: ohne Ausbildung, ohne Beschäftigung, ohne Schulung. So wie etwa 560.000 tausend junger Japaner.)

14:25.04 / “Ich springe, ich springeee, ich spriiingeeee aaaaa”.

14:25.06 / “Good bye papa. Forever, mama”.

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Die meisten Selbstmorde in Tokyo werden an der U-Bahn Haltestelle “Nishi-Hachioji” und “Shin-Koiwa” verübt. An diesen beiden Stationen wählen im Jahr sehr viele Menschen den Schienensuizid. Aktueller ‘Spot’ laut Medien ist “Shin-Koiwa”. Der Express Richtung Flughafen “Narita”, bis zu 130 km/h schnell, fährt hier regelmäßig vorbei. Ein sicherer Tot. Keine Kurven, nur eine gerade Strecke, der Zug fährt mit vollem Tempo und ohne Halt zu machen durch. Den Ort nennen die Japaner ehrfürchtig “Haltestelle der Selbstmörder”

‘Suicide Spot’

 

‘Jinshin Jiko’ – Unfall mit Personenbeteiligung.

Jeder Japaner kam schon unfreiwillig mit dem Jinshin Jiko (wörtlich: Unfall mit Beteiligung von Personen) in Berührung. Wenn der Zug anhalten muss, weil sich jemand auf die Gleise geworfen hat, so interessiert das kaum jemanden. Die Leute starren weiter auf ihre Bildschirme, spielen ein weiteres Level ‘Candy Crush’, oder schlafen einfach. Rote Buchstaben auf kleinen Monitoren informieren die Passagiere in den Waggons darüber, dass eine weitere Seele den Freitod wählte.  Sie leuchten in die Leere. Für die Angestellten des Bahnhofs ist dies schon Routine. Viele Zugführer sind schockiert, werden mit dem Erlebten nicht mehr fertig, werden in ihren Träumen heimgesucht vom berüchtigten ‘letzten Blick’ des Opfers. Sie wechseln in die Administration. Das Wichtigste dabei ist es sie in der Firma einzusperren, damit Sie ihr Trauma nicht anderen erzählen. Bei “Japan Rail” gibt es keine psychologische Unterstützung. Was bleibt einem übrig? Man beißt die Zähne zusammen und macht weiter. Schwäche zeigen gilt in Japan als ‘no go’.

Suizide sind für viele Japaner eine Art Attraktion. Sie zücken die Smartphones. Machen Bilder der Körperteile. Sie filmen die Aufräumarbeiten. Sie teilen ihr Erlebtes online mit anderen Menschen. Vor kurzem entstand eine Dienstleistung daraus. Alle Selbstmorde werden auf einer online Karte gespeichert und markiert. Bahnhof, Linie, Zuständigkeitsgebiet. Die Fans von “Jinshin Jiko” werden so 24/7 über die neusten Ereignisse am laufenden gehalten. Japanische Medien berichten live vom Tatort, nennen die Art, wie jemand sich umgebracht hat und den richtigen Namen des Opfers. Das fasziniert Nachahmer. Selbstmord als eine Art das Publikum zu unterhalten.

Das Grauen das dem Körper angetan wird, wird nie gezeigt.

Die meisten Menschen nahmen sich das Leben Ende März. Am 1 April beginnt das neue Schuljahr, neue Arbeitsverträge werden unterschrieben oder aufgekündigt. Diejenigen, die auf der Strecke bleiben, keinen neuen Vertrag abbekommen, müssen ein weiteres Jahr auf ihre Chance warten und viele wollen nicht mehr warten. Sie sind es satt. Sie haben schon etliche Jahre damit verbracht zu warten. Nun wurden Sie zu “Ronin”, zu herrenlosen Samurais. Sie gehören keiner Firma und keiner Schule an. Sie haben kein Auskommen, können nicht für sich sorgen, sie schämen sich ihre Nächsten um Hilfe zu bitten. Sie verfallen in eine Depression und über die wird in Japan nicht gesprochen, das gehört sich nicht.

Die nächste Welle der Selbsttötung erfolgt im Mai. Diesmal trifft es die, die es scheinbar geschafft haben. Sie haben einen Job und ackern von morgens bis abends, 24/7, ohne Pausen, ohne zu verschnaufen, das alles um der Welt zu zeigen wie hart sie sind. Sie reissen Überstunden, schlafen wenige Stunden am Tag, meistens auf dem Weg zu und von der Arbeit. Ein Höllenkreislauf. Nicht viele halten da durch. Man greift zum Alkohol. Drogen. Erliegt der Spielsucht. Wahre Erleichterung verschafft der ersehnte Sprung. Die Japaner nennen es -  “die Mai Erkrankung”.

Die letzte Welle erfolgt Ende Dezember. Neujahr (shōgatsu) , das wichtigste Fest in Japan das Pendant zum Weihnachtsfest. Diese Zeit der Besinnung verbringt man im Schoße der Familie. In diesen Tagen fällt es besonders vielen schwer gegenüber ihren Liebsten das Gesicht zu wahren. Sie brechen unter dem Druck zusammen, verstellen können sie sich nicht mehr.

Ohne Schuhe.

Abgeschirmt in den vertrauten vier Wänden des Miniatur Apartment wagen viele den Ausstieg für immer. Andere springen von der Brücke oder erhängen sich im berühmten Wald der Selbstmörder. Etliche Bücher verhalfen dem Aokigahara Wald zur Weltberühmtheit.

Touristenattraktion und Naturdenkmal – der Aokigahara Wald am Fuß des Fuji.

1993 schrieb Wataru Tsurumi darüber in seinem Kult Buch “Das Komplette Selbstmordhandbuch”, er nannte den Wald, den idealen Ort zum sterben. Darüber hinaus präsentierte er im Buch ausführlich elf Möglichkeiten sich das Leben zu nehmen. Detailliert beschreibt er Methoden, deren Erfolgsraten, den Schmerz, den sie verursachen und die Verfassung des Körpers danach. Diese Anleitung verhilft zum schnellen Tod. Über eine Million Exemplare wurden schon verkauft. Es hat also einen gewissen Einfluss. Es macht Selbstmord zu einer attraktiven Lösung.

Tod ist immer ein Bestseller – The Complete Manual of Suicide, 198 Seiten.

Es gibt aber auch welche, deren Freitod nicht unbeobachtet sein soll. Solche Menschen springen am helllichten Tag einfach vor den Zug. In der Metropole Tokyo gibt es etliche Stationen. Und jährlich kommen etliche unter die Räder. Mehrheitlich sind es vor allem Bahnsuizide. Unter ihnen sind viele Corporate Mitarbeiter, – die “Salarymen”. Gleichermaßen Frauen wie Männer.

Die “Salarymen”

In dieser Branche herrscht Geschlechtergleichheit.

Manche Selbstmörder ziehen die Schuhe aus. Ein aller letztes Mal. In Japan gilt es als selbstverständlich vor dem betreten eines Wohnraumes sich die Schuhe auszuziehen. Im Internet finden sich Tatort Fotos und auf ihnen Herrenlose Schuhe. Foren User kommentieren die Bilder: Es wäre schade um die schönen Schuhe, besonders um die schicke Marke.

Thunfisch.

Im Raum Tokyo und Umgebung gibt es viele Personenbeförderer, die größte von allen ist die “Japan Rail”. Sie bringt von A nach B täglich über eine Million Passagiere. Die Mitarbeiter der JR nehmen jährlich an speziellen Schulungen teil. Sie lernen, wie sie erkennen können, dass sich jemand das Leben nehmen will. Es werden ihnen keine psychologischen Lehren beigebracht, auch lernen sie nicht wie sie mit solch einer Person reden sollen. Die Zugführer wissen nicht was sie zu einem Suiziden sagen sollen. Sie beten bloß im Geiste, dass während ihrer Schicht keine Unfälle mit Personenbeteiligung geschehen mögen. 

Dicht an dicht in der Tokioter U-Bahn.

Jeder unnötige Halt bedeutet Verspätung auch für andere Züge. Ebenfalls Verspätung für tausende von Passagieren. Sie bekommen für noch so kleine Verspätungen, besonders während der Rush Hour, an der Haltestelle einen Nachweis ausgedruckt, diesen kann man seinem Arbeitgeber vorzeigen.

In der Regel befindet sich alles was man zum Säubern eines Tatortes braucht in einem kleinen schwarzen Koffer, genannt “Kit für Unfälle mit Personenbeteiligung”. Latex Handschuhe, Mundschutz, Desinfektionsmittel, ein Spray zur Reinging von Blut, hellblauer Einweg Ganzkörper Overall,  gelbes Absperrband mit der Aufschrift “Zutritt verboten”, Plastikfolien und drei spezielle Tafeln um Bestimmungsorte zu bestimmen: Stillstand des Zuges, den erster nahen Zeugen, die Leiche.

Das Wegschaffen des Toten plus Reinigung nimmt etwa 20 Minuten in Anspruch. Die drei jüngeren Mitarbeiter holen ihr Gerät und beginnen mit der Arbeit. Alles wird streng observiert durch den Veteranen, ein Mann mit Erfahrung in solchen Sachen. Man gewöhnt sich schnell an den Job. Irgendwann ist alles Routine. Die Veteranen nennen die zerfetzten Leichenstücke Thunfisch (Maguro). Sie sagen es ist dann einfacher damit klarzukommen. “Es sind nur Teile eines prächtigen Thunfisches”, wiederholen sie und bespritzen die Fetzten mit einem Mittel. “Nur ein Thunfisch”. “Maguro”.

Am schlimmsten ist es, wenn die Leute vor ein Schnellexpress springen, die Körperteile sind dann überall weit verstreut, niemals gelingt es alles vollständig wegzuräumen. Es fliesst literweise Reinigungsmittel, man sammelt das ein was mit dem bloßen Auge erkennbar ist, und versprüht Lufterfrischter in die Atmosphäre. Es gibt keine Zeit für Details. Nachts werden die Gleise ein zweites Mal gereinigt. Eine Grundsäuberung erfolgt zwei Mal im Monat.

20 Minuten Reinigung, 40 Minuten für Zuginspektion, Gleisinspektion und wegschaffen der Gaffer. Insgesamt eine Stunde. So lange benötigen Sie, um alles wieder ins Lot zu bringen, bis wieder jemand den nächsten Sprung wagt. Nur eine Frage der Zeit.

‘Suicuide’ Prävention.

Aus den Boxen ertönt eine seichte Melodie gefolgt von Vogelgezwitscher. Die Station “Shin-Koiwa” erwacht aus der Trance, auf den riesigen Bildschirmen strahlt in der Sonne der Ozean, schwimmende Delfine durchqueren ihn. Ein anderer Bildschirm daneben: Berge, Seen, Pferde.  Alles wird versucht um dir den Sprung aus dem Kopf zu vertreiben. Die JR Mitarbeiter verteilen kostenlose Taschentücher auf ihnen steht geschrieben: Wenn du schon nicht lachen kannst, dann rede wenigstens mit jemanden.

Sollen dich auf andere Gedanken bringen.

Taschentücher mit Symbolkraft.

An der Wand steht groß die Nummer einer Lebenshilfe. Auf einem Plakat steht etwas über einen speziellen Alarmschalter, welcher imstande ist den Zug anzuhalten und Menschenleben zu retten. Es gibt eine Attrappe, man kann sie zu Übungszwecken schon mal betätigen, wird es dann wirklich ernst, reagiert kaum einer.

Japan Rail testet immer wieder neue Ideen um das Suizid Problem in den Griff zu kriegen. Sie installieren grosse Spiegel an den Haltestellen, die Wiedererkennung soll den Drang zur Selbsttötung verjagen. Die Meisten springen gleich zur Anfang der Haltestelle, wenn der Zug einfährt. Man brachte an vielen Stationen blaue Lichter an. Farbpsychologen sind überzeugt – das blaue Licht beruhigt, man relaxt, Blau suggeriert Himmel und Meer. So verwerflich ist es nicht. Seit dieser Maßnahme ist die Selbstmord Rate auf Bahnhöfen erheblich gesunken.

Blaues Licht. Schaut man ins ‘blaue Licht’ wird alles gut.

Auf Dauer jedoch wird es in einem Land wie Japan, wo Jobverlust gleich zu setzten ist mit einem Gesichtsverlust, und der Gang zum Psychologen als Schande gilt, blaues Licht oder Spiegel Installationen wenig ausrichten gegen die Massen an Suizid Willigen. Immer mehr Menschen wählen die Hotline der Lebenshilfe. 7000 Volluntere der Organisation “Inochi no Denwa” (Lifeline) bearbeiten jährlich etwa 700 tausend Telefonanfragen. Bei vielen Anrufern wurde schon Depression diagnostiziert, etwa 80% Prozent schmeissen regelmäßig Medikamente ein. Sie wollen einfach nur reden, wissen aber nicht mit wem. Wer in Japan die Nummer der Telefonseelsorge wählt, muss geduldig sein, muss es 30 – 40 Mal probieren, es ist ständig besetzt. Die Organisation “Lifelink” nennt als wichtigsten Grund für Suizid, den Verlust des Arbeitsplatzes. Menschen zweiter Klasse. Menschen ohne Gesichter. Menschen ohne Würde. Sie kommen nicht zu recht mit der Karriere, mit der Schufterei von früh bis spät, Tag für Tag, Monat für Monat, allesamt Opfer der “gruppenzwangbedingten Überstunden”. In Wahrheit hast du eigentlich nichts mehr zu tun, aber deine Kollegen sehen nicht so aus als würden sie bald nach Hause gehen, noch keine Feierabend-Stimmung, also arbeitest du weiter im Einklang mit den anderen.

Schuldenproblematik.

Zum Trend ist es geworden eine Lebensversicherung abzuschließen, um sich danach gleich vor den nächsten Zug zu schmeißen. Der Familie wird danach sofort Geld ausgezahlt. Geld mit welchem die Hypothek abbezahlt werden kann, die Ausbildung der Kinder garantiert werden kann. Die Behörden haben reagiert, Lebensversicherungen wurden mit einer 1-jährigen Freistellungsfrist versehen. Du musst also 1 Jahr warten um dir das Leben zu nehmen. Für Verzweifelte immer noch ein gutes Geschäft. Selbstmord als Weg Eigenverantwortung zu zeigen, es zeigt deine Aufrichtigkeit, dass es dir wirklich leid tut. Verschiedene Darlehen und der damit Verbundene Druck haben einen enormen Einfluss auf die Selbstmordrate.

Die Stadt Toyota hat mit Abstand die höchste Suizidrate. Die Toyota Motor Corporation hat ihren Sitz hier, bekannt für ihr berühmtes Produktionssystem – das TPS Toyota Produktionssystem, der Weg zur Steigerung der Rentabilität oder die Art Verschwendung zu vermeiden. Das System eliminiert die drei M’s. : Schwierigkeiten (muri), Unebenheiten (mura), sinnlose Tätigkeit (muda).

Toyota Mitarbeiter während einer Zeremonie.

 Mitarbeitern gönnt man regelmäßig körperliche Untersuchungen, es gibt Projekte für Raucherentwöhnung, Kurse über die gesunde Ernährung. Doch erst 2013 fing Toyota an mit Programmen zu Stressabbau. Davor galten gestresste Mitarbeiter als Charakterschwach. In den nächsten Jahren sank die Selbstmordrate in der Stadt. Im Jahr 2011 – 100 Tote. Im jahr 2013 – 70 Tote. Die Foren sind trotz dessen weiterhin voller Tragödien zum Thema Selbstmord durch Überarbeitung.

Teure Rechnung.

Für Angehörige fängt nach dem Tod ihrer Liebsten die Trauer an. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, schickt ihnen das Zugunternehmen eine Rechnung ins Haus (!). Eigens dafür gibt es einen Manager für Personenschäden. Ein Bahnsuizid im Raum Tokyo kostet das Unternehmen ca. 500.000 Euro. Die Rechnung begründet sich so: Instandsetzung des Zuges, der Gleise, Kosten für Verspätungen, Kosten für Inbetriebnahme eines Ersatzzuges. Die Angehörigen des Toten bekommen ein Ticket von über 45.000 Euro. Dieses Geld stellt die Firma der Familie in Rechnung – Kosten für die Reinigung des Unfalls. In der japanischen Gesellschaft trägt die Familie die Verantwortung. Bringt sich jemand in einer Mietwohnung um, verlangt der Vermieter ebenfalls das Geld der Familie, um angeblich böse Geister aus der Wohnung zu vertreiben, dafür benötigt man natürlich einen Exorzismus. Eine furchtbare Denkweise. Viele zahlen dennoch.

Lapidarium

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Die PiS Partei (Recht & Gerechtigkeit) ist verrückt geworden. Baut die Geschichte um. Verpflanzt Frauen um. Exhumiert Leichen. Beschränkt die Macht der Gerichte. Es ist eine unberechenbare Partei. Eine ungehobelte Partei. Schwer einzuordnen. Extrem konservativ. Extrem ängstlich. Extrem überzeugt. Sie pachten die Geschichte für sich und konstruieren eine nationale Zukunft. Wie auf einem Trip. Sie testen ihre Grenzen aus. Sie testen wie weit sie gehen können. Wie ein Teenager der einen heftigen Hormonschub erlebt. 

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Neulich erzählte mir Z., dass es gerissener sei einen Baseball Schläger aus Aluminium statt aus Holz zu benutzen, und zwar aus folgenden Gründen: a) das Blut lässt sich besser wegwischen und b) auf Aluminium kann man nach gründlicher Säuberung keine DNA Spuren wieder finden.

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Zum Geburtstag bekam Z. eine 500 ml Flasche Gin - “Monkey 47″. Alkoholgehalt 47,3 % vol. Ein Kult Getränk und seit dem Jahr 2010 Bestandteil einer jeder angesagten Rooftop-Bar. Das Rezept entwickelte vor vielen Jahren der Brite Montgomery Collins, welcher nach dem Krieg im Schwarzwald ein Landgasthof – Zum wilden Affen – betrieb. Britische Gin-Tradition, indische Kräuter, Schwarzwald Quellwasser. Nach Collin’s Tod, findet man in einer alten Kiste das handgeschriebene Originalrezept wieder, rekonstruiert es, schmeisst das Resultat auf den Markt - Monkey 47.
47 handverlesene pflanzliche Zutaten dienen als Botanicals für diesen Gin. Ein Beispiel gefälligst? Lavendel, Cassia, Akazie, Hagebutte. Kein Getränk für Gin-Puristen. Die Lagerung nach Destillation in Steingutfässern beträgt 3 Monate. Z. 
trinkt Gin, gönnt jedoch seinem Gaumen sehr selten einen richtigen Geschmacksporno. Ich wollte das ändern.

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Kapuściński sah schon 1991 während einer Diskussion in New York voraus, dass nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Auflösung der alten dienlichen Feindbilder (Ost, West), sich folgende Weltanschauungen zu realen Gefahr in Europa und auf der Welt entwickeln: Nationalismus, Rassismus, religiöser Fundamentalismus.

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Das kommende Depeche Mode Album (Frühjahr 2017) trägt den Namen “Spirit”.

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Ich möchte etwas über die Aronia Beere raushauen: die Urkraft! Ursprünglich aus Nordamerika, heute heimisch in Mittel- und Osteuropa. Keine andere Beere auf der grossen weiten Welt hat einen so hohen Anteil an Anthocyanen (schützen die Pflanze vor UV Strahlung oder Umweltgiften). Damit ist sie die widerstandsfähigste Beere, die wir kennen! Sie übersteht sogar Tiefsttemperaturen von bis zu -35°C (!).

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Karen Armstrong schreibt in ihrem Buch “Im Namen Gottes”: Am fünften Tag des Festes demütigte der vorsitzende Priester den König in Marduks Schrein und rief das Schreckbild der sozialen Anarchie ins Bewusstsein, indem er die königlichen Herrschaftszeichen konfiszierte, den König auf die Wange schlug und ihn grob zu Boden stieß. Der verletzte, erniedrigte König erklärte Marduk daraufhin, er habe sich nicht als schlechter Herrscher erwiesen. Dann schlug der Priester den König noch einmal, so heftig, dass ihm die Tränen kamen: ein Zeichen der Reue, das Marduk zufriedenstellte. Solchermaßen wieder ins Amt gehoben, umklammerte der König die Hände des Marduk-Standbildes, er bekam seine Insignien zurück, und seine Herrschaft war für ein weiteres Jahr gesichert.

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Je unglücklicher jemand ist, desto besser tut ihm das Unglück der Welt, wenn er es lüstern beobachten kann.

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Du gehst durch einen Park voll Verstümmelter.

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Nach den Qualen, nach dem endlichen tot des Robert Schumanns (1810 – 1856), begann seine Ehefrau Clara Schumann (1819-1896), noch 40 Jahre lang die Werke ihres Mannes in Europa aufzuführen. Sie bewahrte Roberts Nachlass, publizierte seine Schriften und Tagebücher, veröffentlichte nebenbei ihre eigenen Werke, und letztendlich verinnerlichte Sie ihn am Piano. Als ruhmreiche Künstlerin in die Geschichte eingehen, das wollte Sie, und als Frau, die Robert Schumann liebte.

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Ein ungehobelter Kerl ist imstande, einen angenehmen Abend zu verderben, doch ein kultivierter Mensch genügt nicht, um das Niveau einer Runde ungehobelter Kerle zu heben.

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The best taste I’ve ever had!

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Für 4 Minuten betrat ich wieder die Pforten der St. Marien Kirche. Niemand außer mir da. Ich ging zum Altar, kniete mich hin, faltete die Hände zusammen und schloss die Augen. Mehr bekam ich einfach nicht hin. Sei einfach da, denke nichts, und gehe wieder, so lautete mein Plan. Als ich wieder herausging in die freie Welt, fühlte ich mich zufrieden und überlegen. Dies war wahrlich nicht mein Ziel. Mit dem Christentum werde ich einfach nicht fertig. 

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Handel bedeutet Wohlstand.

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Donald Trump. Teflon Trump. Alles prallt an ihm ab. Er hat den gewissen Charme. Null Ahnung. Null Ideen. Null Ernsthaftigkeit. Zero Intelligence Talk. Seinen Wählern ist dies scheiss egal. Sie lieben einen wie ihn. Einen Proleten. Einen Demagogen. Einen Hassprediger. Einen der dazwischen schreit. Für die Republikaner, sie bereuen ihren Coup jetzt schon,  muss es ein Alptraum sein. Sie wiegen sich förmlich ins Grab, besudelt von einem, der doch ihrer sein sollte. Unfassbar, Trump, der Kerl ist im Finale, ergo ist bereits das Oval Office in Sicht. Das Establishment hat das Bedürfnis nach Wandel, und das Resultat dieses “Dranges” ist irgendwie Donald Trump. Die vielen Stimmen geben der Wandel Theorie recht. Und Trump’s Äußerungen erzürnen die vielen Stimmen keineswegs, wieso den auch? Der Mann bezahlt seine Wahlkampagne aus eigener Tasche. Er kann sagen was er will, er ist eine tickende Sexbombe.

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I grew up fearing the Russians.

Then reading them. Then fearing everyone.

Especially myself.

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Die Kontrolle der Handelswege ist die Garantie für die Erhaltung einer Supermacht. Die entscheidenden Hotspots (Strasse von Malakka) müssen sicher sein für freien Schiffsverkehr zwischen den Nationen. Unser Wohlstand, wie wir leben, wie wir aufgewachsen sind hängt vom freien See Handel ab. Um diese Leistung der Sicherheit zu gewähren, um die Meere zu beherrschen, braucht es eine starke Flotte. Eine mächtige Flotte. Überlegen und modern. Man zählt nach Tonnen die auf den Weltmeeren schwimmen: China – 708.000 Tonnen. Russland – 845.000 Tonnen. USA – 3,4 Millionen Tonnen.

Schwer zu orten: Die USS “Zumwalt” – 15.000 Tonnen Koloss. Kosten: 4,4 Milliarden US Dollar.

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Über die Alten

Die Alten haben diese Stadt fest im Griff. Sie haben das Sagen. Hier sind sie in der Mehrheit. Vieles passt sich ihnen an. Gelungen ist es die Jungen zu vertreiben und somit der Stadt den Stempel der Alten aufzuzwingen. Die bequemen Übergebliebenen haben sich nie gegen diese Übermacht gestellt. Wozu auch? Sie waren zugegeben nie eine ernsthafte Gefahr, geschweige den eine stabile Opposition. Stattdessen wählten Sie den anderen Weg, den der Anpassung, sie setzten die Rebellion einfach aus.  Die Tragik daraus ist ein Dilemma welches wie ein Schleier kaiserlicher Ordnung über der Stadt liegt, selbst die Zeit fügt sich dem anspruchslos. Tatsächlich, die Alten haben es geschafft die Zeit auszutricksen.   Sie haben sich ein Freiraum Gehege gebaut und zu ihrem Sitz ernannt. Hier, in ihrem eigenen Universum sind sie die Könige.

Sie hören alles, sie sehen alles, sie sind über belangloses bestens informiert. Ihre Armee – die Handwerker – durchziehen flink mit ihren Firmenwagen das gesamte Stadtnetz. Wie losgelassene Arbeitsbienen durchziehen sie die gesamte Stadt und heben alles aus den Angeln was zu richten ist. Sie dienen damit die Umgebung den Normen anzugleichen. Sie halten die Fassade aufrecht, rasen von A nach B und vielmehr gleichen sie kleinen Rettungswägen, die die fast tote Stadt überall wiederbeleben müssen.  

 Die gute friesische Meeresluft zieht die Alten an, wie das Licht die Motten. Die Filialen der Bäcker Firmen haben das längst begriffen, ihre zahlreichen Zweigstellen, mittlerweile zu angesagten Hot Spots mutiert, verschönern das Stadtbild und geben jeder Straßenecke das Image einer belebten Einkaufsstraße wieder.

Bäckereien sind für die Alten so was wie Tankstellen an denen sie ihre Rollatoren und Lebensenergie aufladen können, nebenbei trifft man die, die man schon gestern getroffen hat, hält ein Schwätzchen, trinkt literweise Kaffee und schimpft und lacht gleichzeitig. Oft sitzen sie Stunden gemeinsam an einem Tisch und harren weise die Zeit aus ohne je ein Wort mit ihrem gegenüber gewechselt zu haben. Ich weiß es, ich beobachte es.

 

Ebenso wie die Bäcker sind es die Apotheken die den Wandel der Zeit in WHV mitbekommen haben. Ihre Filialen, ebenso zahlreich über der Stadt verteilt wie griechische Restaurants,  werden gut besucht. Verständlich, es lohnt sich.  Der Alte läuft nicht gerne weit bis zu seinem Ziel, den einen langen Weg hat er sich nicht verdient. Er möchte das genießen, was ihm versprochen wurde, wofür er eingezahlt hat, doch seine Psyche, sein Körper, sie sind oft nicht bereit dem nachzukommen was ihm versprochen wurde, da sie doch selber Tribut einfordern für damals, na für die verbrauchten Lebensjahre davor. Verständlich.

Die letzten Tage sollen so verbracht werden, wie es die Bilder im Kopf einem schon immer eingeprägt haben, und bloß nicht wie es die Angst einem schon immer eingeprügelt hat, dass man nämlich in Armut seine letzten Edenjahre verbringt. Angst ist ein ständiger Begleiter besonders der Alten. Angst hatte Chance zu wachsen, den das was verfestigt wurde, begann mit der Angst. Ablegen können sie es nicht mehr. Sich damit zu arrangieren kostet Kraft.

Einen inneren Konflikt vermeiden sie lieber, den das Löschen hat schon Kraft gekostet, wie soll man das dann mit dem Schutt abräumen erst schaffen.

Ein Kreislauf der geistigen Müdigkeit.  Und immer zu einer gewissen Stunde verlässt keiner mehr das Haus. Die sogenannte selbst verhängte Ausgangssperre zeigt ihre Wirkung. Jeder hält sich daran. Auch die Handwerker.  Die Alten kommen damit durch, den es fehlen die richtigen Hände um sich die Nacht zu greifen.