Archiv für den Monat: August 2016

Die vergessenen Frauen

Entlang des Highway Teilstücks Nr. 16 zwischen Prince Rupert und Prince George verschwanden seit 1969 mindestens 18 Frauen spurlos, inoffiziell spricht man sogar von bis zu 50 verschwundenen Frauen. Man vermutet, dass sie ermordet wurden, von einem Teil der Vermissten wurden im Laufe der Zeit Leichname gefunden, die Einheimischen nennen den Highway No. 16 deshalb auch den Highway of Tears – Landstraße der Tränen.

Zwei Jäger fanden den nackten Leichnam der Gloria Moody am Strassenrand. Sie wurde brutal vergewaltigt und misshandelt, sie starb aufgrund ihrer Verletzungen.

Ein paar Tage zuvor fand ein Motorradfahrer die menschlichen Überreste einer bereits vermissten 14 jährigen. Sie war so stark verstümmelt, dass erst mittels einer DNA Analyse ihre Identität festgestellt werden konnte. Ihr Name lautete Aielac Saric-Auger. Bei ihrem Begräbnis musste der Sarg verschlossen bleiben, da man viele Fragmente ihres Körpers nie gefunden hatte.

Die 33 jährige Maureen Mosie wollte per Anhalter fahren. Sie kam an ihrem Ziel nie an. Ihre malträtierte Leiche fand später eine Spaziergängerin. Laut der Polizei wurde sie ermordet. Spuren von sexuelle Übergriffen fand man nicht.

Lana Derric, eine 19 jährige Studentin, war zu besuch bei ihrer Mutter. Das letzte Mal sah man sie früh morgens an einer Tankstelle in der Nähe der Landstrasse, danach ist sie spurlos verschwunden.

Entlang des Highway Nr. 16 findet man überall Warnschilder

Es gibt noch weitere solche Geschichten, laut offiziellen Polizeiangaben sind es insgesamt 18. Die lokalen Einwohner sprechen sogar von 50 solcher Begebenheiten. Alle Opfer haben viele Gemeinsamkeiten: die Frauen wurden für vermisst erklärt oder man fand ihre Leichen in der Nähe der Teilstrecke, die Täter wurden nie gefasst, ein Teil der Opfer waren per Anhalter unterwegs, viele waren erst Teenager und mehr als die Hälfte der Opfer sind Kanadierinnen indianischer Abstammung. 

724 Kilometer lang – Highway No. 16

Die Mutter der bestialisch verstümmelten Aielac Saric-Auger geht den Highway Teilstück Nr. 16 im Staat British Columbia sogar zu Fuß ab. Es ist ein stiller Protest, gegen das Vergessen, und gegen die Untätigkeit der Polizei.

“Wir wollen Antworten”, verlangt Angeline Chalifoux, die Tante der getöteten Aielac und Organisatorin des Marsches “Highway of Tears”, wir verlangen, dass die Polizei an den Fällen dran bleibt und sie nicht abschliesst, den die Polizei gibt sich wenig Mühe die Fälle aufzuklären. Niemand forscht nach, es herrscht eine Mauer des Schweigens.

“Walk4Justice”

Man sucht nicht nach Indianerinnen aus den Reservaten. Die Menschen sprechen laut und offen von Rassismus, Sexismus und Kolonialismus. Der Highway Nr. 16 verläuft durch viele Reservate der “First Nation”, so der Begriff für die Ureinwohner Kanadas. Es sind verarmte, abgelegene, in Stich gelassene Gegenden. Es herrscht Arbeitsnot und die Kriminalitätsrate ist hoch. Gewalt ist an der Tagesordnung. Unter den Bedingungen langer Vernachlässigung, von Sesshaftmachung, Umsiedlung und Verdrängung – wie etwa für den Abbau von Rohstoffen – spitzten sich die Verhältnisse in manchen Reservaten derartig zu, dass es sogar zu Aufständen kam. Die Menschen wenden sich in ihrer Not den Drogen zu. Folgen der kulturellen Entwurzelung der indigenen Völker Kanadas. 

Die kleine Gruppe von Frauen hat innerhalb 5 Stunden ausgestattet mit Transparenten eine Strecke von 25 Kilometer zurückgelegt. Der Marsch startete an der Stelle, wo 9 Jahre zuvor die Überreste der 14 Jährigen Aielac Saric-Auger aufgefunden wurden. 

Die kanadische Polizei pfuschte anfangs herum, sie betrachtete die Fälle mit weniger Ernsthaftigkeit, da sie davon ausging, es handelt sich um Ausreißer Spiele pubertierender Teenager. “Keine Sorge, die kommen schon wieder zurück”, solche Phrasen bekamen sie zu hören. Oft ging man fälschlicherweise von Selbstmord aus. Die Familien der Verstorbenen haben genug davon. Sie handeln auf eigene Faust. In ihrer Not, wenden sie sich an die breite Öffentlichkeit. Sie hängen Plakate aus und verschicken die Fotos ihrer Liebsten landesweit an Pressestellen.

Erst nach Monaten entschieden sich die kanadischen Mounties zu handeln, da war es schon zu spät, konkrete Spuren wurden von der Natur für immer vernichtet.

Die Angehörigen geben nicht auf. Sie werden weiter suchen. Der Schmerz des Verlustes, so sagen sie, gebe ihnen die dafür benötigte Kraft. 

Künsterlin Pamela Masik brachte die geischter der Opfer auf die Leinwand: “I saw my role as an artist to bear witness to the 69 women who were marginalized, went missing and many, ultimately who were murdered, not just by the hands of a serial killer but by our society viewing these women as inconsequential.”

Im Dezember gab der Chef der kanadischen Polizei, Bob Paulson, öffentlich bekannt, dass bei den Polizeibehörden Rassismus herrsche.

RCMP Commissioner Bob Paulson (Photo: Matthew Usherwood/CP)

                “I understand there are racists in my police force,” Paulson reportedly replied. “I don’t want them to be in my police force.”

Die Journalistin Rawiya Kameir schrieb einen Artikel über das “Missing White Woman Syndrome”. Sie schreibt darin, dass die Information über vermisste weisse Frauen schlagartig auf allen Sendern des Landes breite Aufmerksamkeit findet und sich daraufhin sofort das ganze Land mit den Familien der Opfer solidarisiere, so wie mobilisiere. Die Polizei startet sofort breite Suchaktionen auch in benachbarten Provinzen. Die grossen Zeitungen des Landes schreiben gerne ausführlich über solche Fälle. Hingegen werden Fälle der First Nation oft unter den Teppich gekarrt oder geraten mit der Zeit in Vergessenheit.

When a white girl goes missing, you’ll know about it, and you know you’ll know about it.

2015 entstand erstmalig und mittels einer finanziellen Spritze eine Kommission, die sich eben mit diesen Fällen von Vermissten und Ermordeten der First Nation ernsthaft befasst. Vor allem jedoch, soll die Kommission bestehend aus fünf Mitarbeitern die Frage beantworten, weshalb so viele Jahre nicht ernsthaft ermittelt wurde. Chefin der neuen Stelle ist übrigens Marion Buller, die erste Richterin indogener Abstammung.

Die Seelen der Vermissten und Ermordeten Frauen und Mädchen werden während unserer Ermittlungen immer in unseren Herzen sein. Der Verlust, der Schmerz und der Mut der Hinterbliebenen wird uns inspirieren. // Richterin Marion Buller

 

Seit dem Antritt von Premier Justin Trudeau kristallisiert sich auch ein neuer Kurs gegenüber den Ureinwohnern. Sein Wahlversprechen, sich für die indigenen Völker einzusetzen, hält er ein. Desweiteren verkehren Buslinien auf dem abgelegnen Highway zwischen den Reservaten hin und her. Neue Fahrer werden ausgebildet, damit niemand mehr auf Anhalter angewiesen ist. Die kanadische Eisenbahngesellschaft führte ein 5 Dollar Ticket ein entlang des Highway of Tears, damit sie einfacher in abgelegene Städte gelangen. Es tut sich was.

<<<Aber ganz in der Nähe, in Montastruc, fand man eine kleine Skulptur, die um 11 000 v. u. Z. aus dem Stoßzahn eines Mammuts geschnitzt worden war, also ungefähr zu der Zeit, als die Höhlenmalereien in Lascaux entstanden sind. Diese Skulptur wird heute im British Museum aufbewahrt, und sie zeigt zwei schwimmende Rentiere. Der Künstler muss seine Beutetiere ganz genau beobachtet haben, wie sie auf dem Weg zu neuen Weiden Seen und Flüsse durchschwammen und sich damit besonders verletzlich machten. Er empfand durchaus Zärtlichkeit für seine Opfer, denn er gibt den Schmerz in ihren Gesichtern ohne jede Sentimentalität wieder.

Quelle: WIKI

Neil MacGregor, der Direktor des British Museum, erklärt dazu, die anatomische Genauigkeit dieser Skulptur zeige, dass sie sicher nicht nur mit dem Wissen eines Jägers, sondern auch mit der Einsicht eines Schlachters angefertigt worden sei, also eines Menschen, der seine Tiere nicht nur angeschaut, sondern auch aufgeschnitten hat.

Rowan Williams, der frühere Erzbischof von Canterbury, spricht außerdem sehr einsichtsvoll von der riesigen, phantasievollen Großzügigkeit dieser Steinzeitkünstler: In der Kunst dieser Epoche sehen wir Menschen, die den Versuch unternehmen, ganz und gar in den Strom des Lebens einzutauchen, so dass sie an allem Tierleben teilhaben, das sie umgibt… und das ist tatsächlich ein sehr religiöser Impuls. >>>

Karen Armstrong // Im Namen Gottes: Religion und Gewalt. Pattloch, München, 2014

 

Lapidarium

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Charles schreibt: Sex is kicking death in the ass while singing!

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Was ist der Goldgrund meines Lebens?

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Irgendwo gelesen: Fadenwürmer leben länger, wenn sie Sex haben.

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Nein, ich habe beim ersten Mal nicht verhütet.

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Liebeskummer kann eine Form der Liebe sein.

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Sei tolerant, sei flexibel und arbeite hart,  - der polnische ungeschriebene Imperativ der letzten 25 Jahre.

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Man kann nur noch gewinnen, wenn man andere Leben zerstört, – Survival of the Fittest

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Wenn Bienen in ihrem Stock eine neue Aufgabe bekommen, verlängert sich ihre Lebensdauer, ihr neuer Job verjüngt sie – auch Menschen bleiben geistig länger fit, wenn sie sozial eingebunden sind.

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