Archiv für den Monat: Juli 2016

 

300 Schuss Munition im Rucksack

Mit einer Pistole, Typ Glock 17,9 Millimeter, tötete David S. am Olympia-Einkaufszentrum und am benachbarten McDonald’s neun Menschen und am Ende sich selbst. Seine Opfer waren fast ausschließlich junge Menschen: Drei waren 14 Jahre alt, zwei waren 15 Jahre alt, weitere Todesopfer waren 17, 19, und 20 Jahre alt, eine Tote war 45 Jahre alt. Die Waffe hatte er sich aller Wahrscheinlichkeit nach illegal beschafft, die Seriennummer war weggefeilt. Als David S. starb, hatte er noch 300 Schuss Munition im Rucksack und noch einige Kugeln in der Waffe. Kurz vor der Tat hatte er laut Polizei das Profil von “Selina Akim” auf Facebook gehackt. Er soll dann junge Menschen zum McDonald’s am Einkaufszentrum gelockt haben, mit einem kurzen Eintrag auf der Profilseite, eine Einladung: “Kommt heute um 16 Uhr Meggi am OEZ. Ich spendiere euch was wenn ihr wollt aber nicht zu teuer.” Dutzende junge Menschen klickten unter der Nachricht auf “Gefällt mir”.Warum er es getan hat, weiß man nicht, meistens hinterlassen Amokläufer viele Tote, Trauer und die quälende Frage: Warum?

Männlich, Einzelgänger, Waffennarr, psychisch krank.

Höre ich das Wort Amokläufer, so denke ich intuitiv daran: Männlich, Einzelgänger, Waffennarr, psychisch krank. Es existiert vorab eine gewisse Vorstellung in unseren Köpfen. Die Wahrheit jedoch ist viel komplexer und offenbart sich erst, wenn man genauer hinter die Fassade schaut. Schließlich werden überall Jugendliche gemobbt, zocken Egoshooter-Games und beschäftigen sich mit Knarren oder besitzen ein Fabel dafür. Aber die wenigsten von Ihnen laufen Amok.

Das Phänomen wird man nie verstehen können, wenn man bloß nur nach der einen Erklärung, der einen Ursache sucht. Vielmehr ist der Werdegang zum Amokläufer eine Prozedur, ein Prozess, welcher viele Jahre Entwicklung benötigt und bei dem viele verschiedene Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Es handelt sich dabei um Individuen, überwiegend junge Männer, die keine echten Freunde haben, keine Sexualität leben, aber Wünsche haben. Nach außen hin kann dies aber nicht kommuniziert werden, und dann verstärkt sich der Hass auf andere, die eben all das erleben was man selber gerne erleben möchte. Vieles muss da an Dingen zusammenkommen bis sich schließlich enorme Rache- und Gewaltphantasien im Kopf verfestigen und schließlich in einer irren Tat münden.

Der Typ Einzelgänger.

Viele Täter werden als Einzelgänger bezeichnet, damit ist jedoch keineswegs gemeint, dass der Täter immer alleine ist und mit niemandem redet. Es ist vielmehr der Umstand, dass vorhandene soziale Kontakte nicht in die Tiefe gehen. Es bilden sich keine festen Freundschaften heraus. Selbst die Bindung zu Eltern ist zumeist brüchig. Hinzu kommt der immense Leistungsdruck, die viele Amokläufer in ihrer Familie erfahren. Und weil sie eben dem nicht gerecht werden können, ziehen sie sich zurück. Sie fühlen sich ausgeschlossen und nicht akzeptiert. Ein Gefühl der Zurückweisung entsteht, gerade bei Schul-Amokläufern ist dies ein wichtiger Punkt. Das Gefühl der Kränkung wird so viel extremer erfahren als bei normalen Jugendlichen. Warum?

Jeder Amokläufer hat eine Persönlichkeitsstörung.

Nicht jeder Amokläufer, der eine Mehrfachtötung plant, ist psychisch massiv erkrankt. Einige Täter bewegen sich an der Grenze zur psychischen Erkrankung.  Nur wenige Fälle sind psychisch krank. Andere leiden an einer Schizophrenie. Können Wirklichkeit und Fantasie nicht mehr voneinander unterscheiden. Bei vielen kann eine narzisstische Störung festgestellt werden. Diese zeichnet sich besonders durch ein fragiles Selbstwertgefühl aus, das oft nach außen hin durch besonders Selbstbewusstes Auftreten kaschiert wird. Bedeutet also: manche Mobbing Erfahrungen werden gegenüber ihrem sozialen Umfeld selbst provoziert, und das Gefühl der Kränkung wird gleichzeitig als besonders extrem aufgenommen. So schrieb Eric Harris, einer der Attentäter des Amoklaufs an der Columbine High School in sein Tagebuch, dass er von anderen Schülern gemobbt wurde. Seine Mitschüler wiederum beschrieben aber Harris als denjenigen, der andere Schüler diskriminierte.

Was jedoch völlig zutrifft, ist die Tatsache, dass jeder Amokläufer eine Persönlichkeitsstörung hat. Das wiederum erklärt nur einen Teil ihrer Tat.

Spott und Häme

Solche potentiellen Amokläufer erfahren oft vorher eine massive Kränkung. Also das Gefühl, abgewertet oder nicht wahrgenommen zu werden, falsch oder gar nicht verstanden zu werden. Man ist gekränkt, hat Wut auf andere und die eigene Wahrnehmung der Außenwelt wird als feindselig empfunden. Das Erleben von Ablehnung in der Pubertät, beispielsweise vom Vater, kann sich auf die Entwicklung von Jugendlichen fatal auswirken. Viele Amokläufer wuchsen ohne Vater auf. Das hat oft etwas mit der Straffälligkeit zu tun, mit Männlichkeit, Dominanz und ähnlichen Dingen, da spielt eine männliche Identifikationsfigur eine grosse Rolle. So etwas kann sich auf die Entwicklung von Jugendlichen auswirken. Alles Muster, die sich bei Amokläufern durchgehend zeigen.

Wie “ein Nichts”.

Nicht jeder Amokläufer, der eine Mehrfachtötung plant, ist psychisch massiv erkrankt. Einige Täter bewegen sich an der Grenze zur psychischen Erkrankung. Ein erster Hinweis ist, dass man auf ruhige Kinder und Jugendliche achten sollte und auf diejenigen, die gut integriert sind und sich dann zurückziehen. Das sind Signale, auf die auch im Schulalltag geachtet werden muss. Gerade diejenigen, die immer ganz lieb und ganz nett sind, können im Stillen etwas ausbrüten. Dabei stellt sich auch die Frage, wie sinnvoll große Schulzentren mit mehreren tausend Schülern sind. In diesem System fühlt man sich schnell wie “ein Nichts”.

Je schlechter man sich fühlt, desto aggressiver die Spiele.

Junge Menschen ziehen sich da schnell zurück. Wichtige Anker im Leben werden von nun an der PC, die Games, das Internet. Man taucht ab in die Welten der Superhelden und Egoshooter. Level für Level erzielt man sichtbar schneller Erfolge und kann sich endlich als ein gefeierter Held ausgeben. Je schlechter man sich fühlt, desto aggressiver die Spiele. Geschlafen wird kaum und Schlafentzug, so warnen Schlafforscher, kann zur Paranoia führen.

Die Macht, die mit Hass und Gewalt einhergeht.

Plötzlich fühlt man sich verfolgt und geht nur noch mit Messer in der Tasche aus dem Haus. Hilfe wird nicht angenommen, man wertet es als Angriff. Der Kurs ist vorher bestimmt, alle sind gegen mich und ich führe einen Krieg gegen mich selbst. Bevor jedoch andere mich angreifen, so die logische Konsequenz einer Paranoia, plane ich lieber einen Präventivschlag. Einen mit großem Abgang und lautem Knall. Allein das Planen der Tat kann einen Zustand der Machtposition hervorrufen. Dann entsteht bei vielen Tätern eine Selbstradikalisierung. Sie werden immer daran erinnert, dass Sie diese Tat begehen müssen, sie fühlen eine enorme Tatverpflichtigung. Amokläufe sind daher immer geplant. Diejenigen die sie ausführen denken, dass sie sich dadurch in das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft einbrennen, um so das Gefühl, ein Nichts zu sein, durch das Gefühl zu ersetzten, dass man sich an Sie erinnert, selbst wenn sie tot sind.

Ich bin voller Hass – und das liebe ich. Man genießt die Macht, die mit Hass und Gewalt einhergeht. Diese Macht ist der Gegenpol zur Hilflosigkeit, die man empfindet. Man ist auf Mission und möchte schlechte Menschen aus der Welt entfernen.

Was folgt der Bluttat von München? Pass auf was du denkst.

David S., der Amokläufer von München, habe möglicherweise eine Erkrankung aus dem depressiven Firmenkreis gehabt, er war wohl in psychologischer Behandlung. Es gab Hinweise auf eine nicht unerhebliche psychische Störung. Hinzukamen schulische Probleme sowie Anzeichen von Mobbing. Das würde ins Gesamtbild passen.

Was sich im Kopf eines Menschen abspielt, ist von außen nicht sichtbar und nur durch intensive Gespräche zu erfahren. Hier sollte man also eine Beziehung aufbauen um Zugang zu bekommen. Ist man dann aufmerksam, bekommt man bestimmte Entwicklungen besser mit. Besteht eine Vertrauensbasis, wächst die Chance, authentisches Erleben geschildert zu bekommen. Studien zeigen auf, das Gefühl, unwichtig, abgehängt, und ausgestoßen zu sein, könne zu einer Radikalisierung führen, welches dann zu extremen Handlungen führe. Das alles ist keine Entschuldigung, den wie erwähnt gibt es nicht nur eine Ursache für die Tat, und die Hintergründe sind in der Regel viel komplexer, jedoch ist dies vielleicht ein Ansatz einer möglichen Erklärung.

Mal Terror, mal Amok.

Mal ist es eindeutig Terror, mal eindeutig Amok. Mal irgendwo dazwischen. Die Welt wankt zwischen den Attentaten von Paris, Brüssel, Orlando, Nizza und Würzburg. Amokläufer kopieren Taten von ausgebildeten Terrorgruppen. Und Terrorismus wie in Norwegen im Fall Breivik, in Würzburg oder Nizza trägt Elemente von Amokläufen. Gewaltkulturen stecken sich gegenseitig an. Angriffspläne werden modernisiert und künftige Täter finden hier ihre Ideen. Terror und Amok laufen gewiss nicht Hand in Hand, beide verbindet jedoch die Abscheu zum Leben.

Und die Medien?

Sie sollten deutlich behutsamer mit dem Thema umgehen, als es teilweise geschieht, den Sensationslust ist fatal. Die Berichterstattung sollte weniger Details bringen. Es reicht die Information, dass Morde begangen wurden, da müssen nicht blutige Fotos dazu. Genau solche Dinge heizen den ein oder anderen Gefährdeten noch an. Auch die Geschädigten werden dadurch nochmal abgewertet. Und wie muss es den Eltern ergehen, wenn sie ein Bild von ihrem toten Sohn in den Medien sehen?

Wilhelmshaven / Flaggen auf Halb Mast

Memo an mich

bei all dieser Kälte und bei all diesem Abstand vergesse ich allzu schnell, dass wir Wesen sind, die einfach nur mal in den Arm genommen werden wollen.

Danke UWE!

Eine Mückenplage bedroht mich. Ich weiß nicht woher sie kommen. Alle Fenster sind verschlossen. Und trotzdem, jede Nacht aufs neue, sind sie da. An meiner Wand fest verankert ihre Kadaver. Überbleibsel eines heftig gezielten Schlages. Vor paar Tagen waren es Neun. Neun kleine Biester die es auf mein Saft abgesehen haben. Jetzt kleben ihre verschrumpelten Körper an der Wand. Für immer verewigt. Ich lasse sie dort. Meine Trophäen. Eine insgeheime Warnung an die Neuankömmlinge. Hier, bei mir, endet euer Dasein. Es stört sie nicht. Und so springe ich genervt aus der Kiste, donnre gegen den Lichtschalter, und begebe mich in die Mitte des Raumes. Mittlerweile Routine. Ich kenne ihre Stellen. Ich weiß wo sie sich aufhalten. Es ist mein Revier. Die Motte lass ich am Leben. Sie stört niemanden. Ich benutze die flache Hand, das bekannte klatschen, die Wucht, der prüfende Blick danach, alles Routine. Eine Art Spiel. Bin ich geschickt genug? Mittlerweile nehme ich ein Shirt zu Hand. Anfangs war es mir unangenehm. Jetzt bin ich abgestumpft. Gewiss ist es nicht leicht Mücken zu klatschen, doch mit der Zeit, mit genug Geschick, mehren sich die Erfolge. Entschlossenheit ist das wichtigste. Und vor allem – Geduld. Nacht für Nacht scanne ich den Raum ab, die Wände, die Ecken, einfach alles, aus purer Angst. Angst ist meine Motivation.