Archiv für den Monat: Februar 2016

  

  

 

Lapidarium

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Zuckerberg bekommt einen Axel-Springer-Award (What…?). Und mir wird ein Foto vorgelegt, auf dem die Gesichter des sitzenden Publikums, komplett bedeckt von einer weissen fetten Brille, ähnlich einer Taucherbrille, wie im Kollektiv in sich gekehrt mit offenem Mund, in diese Röhre (Virtual-Reality-Brille) starren, völlig entzückt ein Teil vom Grossen zu sein. Zuckerberg, ganz klassisch auf dem Weg zur Bühne, hat wie immer sein unverblümtes naives lächeln auf dem Gesicht, ich persönlich kenne kein anderen Gesichtsausdruck von ihm. Es sind Bilder wie diese, die mich kurz inne halten lassen, mir unerwartet Orwell’s 1984 in den Sinn kommen lassen, jedoch, nach wenigen abschweifenden Sekunden,  geht auch diese Starre bei mir vorüber, jetzt wisst ihr was euch erwartet denke ich mir und klicke weiter zum nächsten Thema.

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Kaum zu fassen, ich lerne auch in dieser Stadt Menschen kennen, die hierhin gezogen sind. Was ist los mit ihnen? Nichts, antworten Sie mir. Wir wollten nur mal was anderes sehen. Wie schrieb Stefanie Sargnagel: “Künstlertypen sind nicht gemacht für ein liberales befreites Kreativghetto, sie brauchen konservative strenge, um sich nicht zu sehr entfalten zu können.”

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Ein Wasserkocher und eine Dose voller Kaffee haben seit 4 Tagen mein Leben revolutioniert. Jeden Tag, freiwillig, mit grosser Vorfreude auf einen Becher Kaffee (nach türkischer Art) stehe ich bereits um 5 Uhr früh auf den Beinen, und wenig später sitzend vor dem Rechner. Ich schreibe, lese, staune, spekuliere. Nach 3 Stunden ist das Spektakel beendet, ich lege mich wieder zufrieden ins Bett.

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Die Bienen machen nicht mehr mit. Sie sterben. Seit Jahren. Die UNO legte ein Bericht zu diesem Thema offen. Die Gründe für das Sterben? Ziemlich vielfältig: Pflanzenschutzmittel, Monokulturen in der Landwirtschaft, Wachstum von Städten sowie der Klimawandel. Noch Zweifel? Machen wir uns nichts vor es läuft was aus dem Ruder. Und wären diese Insekten nicht so von ungemeiner Bedeutung, wäre es nicht zu unserem persönlichen Anliegen geworden sich damit auseinander zu setzten.

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Mein Kandidat zum US Präsidenten, der Demokrat Bernie Sanders, hat es nicht geschafft. Enough is enough (sein Slogan) hat es nicht geschafft. Die US Wähler haben anders entschieden Ein Sozialist im Weißen Haus? Für viele dann doch zu viel und Bernie vielleicht doch zu sonderbar für den Job. An die Arbeiterklasse hat er sich gerichtet, an die Mittelschicht, die Hillary aufgrund ihrer Nähe zu den Mächtigen nie erreichen konnte. Eine kostenlose Hochschulbildung wollte Sanders einführen, das Establishment herausfordern, eine flächendeckende Gesundheitsversorgung einleiten… das ging dann doch manchen Wählern zu weit. Dem politischen Mainstream jedenfalls, wie andere Kandidaten, ist Sanders nicht verfallen, er fährt noch immer mit der U-Bahn nach Hause, besitzt kein Parteibuch, und isst sein Dinner wie jeder normale Mensch in der grundsoliden Cafeteria fernab des politischen Glamours. Das hat ihn für mich so sympathisch gemacht, er blieb Volksnah vom Herzen, eben ein Sonderling Widerwillen.

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Wenn ich Rapper wäre, so wäre mein Künstlername Multimorbid.

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Ich gehe los zu Arbeit viel früher als man es von mir erwartet. Auf meinem Weg passiere ich die St. Marien Kirche. Ich halte an, stelle den Kaffeebecher auf den Boden, öffne die schwere Holztür und trete ein. Ein kleines Foyer erwartet mich, dunkel ist es, hinten in der Ecke ist ein kleiner Altar aufgebaut: eine Bank, ein Kerzenständer, und davor an der Wand ein Bild der Jungfrau Maria samt Kindlein, daneben an der Wand hängt ein grosses massives Holzkreuz auf dem Jesus leidet. Die Tür zum grossen Hauptsaal wo die Sonntags Messen abgehalten werden ist abgeschlossen. Ich kenne diese Kirche. Hier habe ich vor Jahren die Erstkommunion erhalten. Sie ist an mir spurlos vorbeigezogen. Ich habe keine Erinnerungen daran. Erbarmungswürdig knie ich mich zum Bild, schaue nach oben, versuche irgendetwas rauszubekommen, stammle vor mich hin, von wegen, dass ich verlegen bin und nichts vernünftiges aus mir heraus bekomme, aber edel wie ich bin, habe ich die Zeit gefunden kurz vorbei zu kommen, um nicht etwas für mich sondern für andere zu verlangen, wie schön, wie edel, ich kriege das kotzen, du Egoist denke ich mir, ich bin doch gekommen um etwas für meine Liebsten zu verlangen, für Menschen, die mir etwas bedeuten. Egal. Geistig entblösse ich mich vor dem Bild, kann meine Gedanken nicht mehr sortieren. Nein, denke ich mir, ihnen kannst du nichts vormachen, sie kennen deinen wahren Grund weswegen du hier bist. Ich schliesse die Augen. Nach wenigen Minuten trete ich befriedigt hinaus. Ich bin zufrieden. Der Kaffeebecher ist noch immer warm als ich ihn wieder aufhebe.

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Buddha fragt seine Jünger wie lange den ein menschliches Leben dauere? 50 Jahre. 80 Jahre. 100 Jahre. Ein anderer meint, einen Tag und eine Nacht lang. Ein anderer wiederum meint: einen Atem lang. Oh ja, sagt Buddha, du hast es verstanden.

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Mein allerschönster Traum: aufzuwachen und nicht zu hören wie es gegen die Fenster prasselt, dem sehne ich entgegen. Ich schaue täglich aus dem Fenster wie Häftlinge aus ihrer Zelle, hoffe, dass es mal nicht regnet, und falls dem so ist nutze ich das Zeitfenster, dann ist der Ausgang nach draussen gestattet, eine Chance die man ergreifen sollte, jedoch entferne dich nicht allzuweit sonst wirst du kalt überrascht, nass getroffen, die Ausgangssperre wird dich holen und du kannst ihr nicht entkommen. Sei also stets wachsam, beobachte den Himmel, lerne ihn zu nutzen, wie Bauer bei der Bewirtschaftung ihrer Felder, und sei ihm immer, immer einen Schritt voraus, und mit der Zeit wirst du es lernen. Pfff…

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Im Osten geht die Angst um. Die Angst vor dem Fremden. Die Angst vor schwarzen Haaren. Die Angst vor Frauenraub. Darum baut der Osten eine Mauer. Eine noch unsichtbare, aber bald für jeden eine zu erblickende Mauer. Ergo was macht man mit dem Osten? Muss man nicht Verständnis gegenüber Ost-Ängsten zeigen? Eigentlich schon, jedoch müsste der Angst etwas wesentliches vorausgehen – die Berechtigung. Ist dies der Fall? Ich mag das Wort Osteuropäer nicht. Diesem Wort läuft etwas dreckiges voraus. Etwas kaltes. Ein klein wenig was zurück gebliebenes, etwas isoliertes. Es beinhaltet eine gewisse Opfer Ideologie in sich. Nehmen wir mein Geburtsland – Polen. 38 Millionen Einwohner. Davon die starke Mehrheit: römisch-katholisch. Ein homogenes Volk. Meist unter sich. Das war nicht immer so, bedingt durch die Geschichte, ist es aber so. Polen, ein romantisches Volk. Möchte mehr den je seinen Traum leben: Frau, Haus, Auto, Kinder, Kredit. Eben Dinge realisieren, die Jahrzehnte vorenthalten wurden oder schwer zu realisieren waren dagegen in Westeuropa schon ewig als das Maß der Dinge (Shape of Things) galten. Nie wieder Schmach. Nie wieder hinterher hinken. Nie wieder fremd bestimmt. Gemütlich soll es sein. Schön soll es aussehen und allen voran… polnisch. Auf dem Lande grüne Wälder, blaues Seewasser, hübsche Prominaden in den Grossstädten, auf Plätzen Monumente grosser Denker. Als Zeitgeist soll möglichst die scheinheilige Fahne der Weltoffenheit wehen. Man ist hochprozentig bereit diese Ideale vor jedem der nicht dazu passt abzuschotten. Man ist in Polen bereit, Gott und Geld unter einer Decke zu stecken.   Schaut man zurück auf die östliche Ebene Europas mit Empathie anstatt mit dem Zeigefinger, dann ist dies mehr als verständlich. Und wie die Elite des Landes stets erinnert und wunderbar im Rückspiegel aufzeigt, so schaut es weniger in die gemeinsame Zukunft Europas, die es jedoch gewillt ist mitzubestimmen. Im Prinzip ist es auch richtig, jedoch ebenfalls viel zu leicht gedacht, ein klein wenig egoistisch. Es ist korrekt, dass die polnische Regierung viel angestellt hat um Flüchtlinge aus dem Donbass aufzunhemen. Wohlgemerkt weisse, katholische Ukrainer mit überwigend polnischen Wurzeln. Sie dienen als billige Arbeitskräfte, ja zum Teil stopfen sie die Lücke die Millionen von Polen hinterlassen haben, als sie aufgrund besserer Verdienstmöglichkeiten ihre Heimat Richtung England verlassen haben. Jedoch genauer hingeschaut: wo ist da die kulturelle Herausforderung? Der Einbezug der Integration? Ist dies nicht viel mehr eine berechenbare gut kalkulierte Migration, welche dem Land mit niedriger Geburtenrate paradoxer weise gerade recht kommt? Wie sonst lässt es sich erklären, dass Kriegsflüchtlinge aus Syrien nicht willkommen sind und eben mit dem ukrainischen Argument im Westen abgeschmettert werden.

Polnische Spezialkräfte in Afghanistan

Zusammen mit den Amerikanern, als Koalition der Willigen, beteiligte sich die Republik an den Kriegen in Afghanistan und dem Irak. Ist man da nicht in der Pflicht nach dem berühmten A auch das nicht so bequeme B zu sagen? Schlüssig die Konsequenzen aus dem Schlamassel in der Region zu ziehen? Als im Großteil Europas Angst und Elend herrschte, der dreißigjährige Krieg andauerte und Frauen verbrannt wurden, war das polnische Königreich ein warmes Nest für diejenigen, die Verfolgte waren, es herrschte Recht und Religionsfreiheit, Toleranz und Vitalität. Unter anderem ein Grund weshalb das Königreich zur Heimat für eine der größten jüdischen Gemeinden der Welt wurde, der Krakauer Rabbiner Moses Isserles schrieb dazu: “In diesem Land gibt es keinen solch heftigen Hass gegen uns wie in Deutschland. Möge es bis zur Ankunft des Messias dabei bleiben!”

Sigismund II. August, König von Polen Während seiner Herrschaft von 1548 bis 1572 war Religionsfreiheit ein königlicher Wille.

Und 2016? Kein Vergleich mehr. Der polnische Staat ist gerade dabei sich rein zu waschen. Es schüttelt lästige Flöhe der Vergangenheit ab und ist dabei ehemalige Kommunisten an Laternen aufzuhängen. Man betreibt unnötige Sisyphusarbeit, geht auf den eigenen Dachboden und sucht mit Taschenlampen nach Ratten aus längst vergangenen Epochen. Man befindet sich mitten in einer Säuberung, einer perfiden Kampagne und es scheint mir, als gehe die Rzeczpospolita (ist an den lateinischen Begriff res publica angelehnt) einen Schritt vor und zwei zurück. Jüngst im Fadenkreuz steht Lech Walesa’s Verdienst im Fadenkreuz der Inquisitoren. Alles zur einer Zeit in der Europa vor gewaltigen Aufgaben steht, ja sogar um seine Existenz fürchtet.

Zwei der wichtigsten gemeinsamen Errungenschaften, die gemeinsame Währung und die offenen Grenzen, stehen vor dem Bankrott. Und diesen Fakten verweigert man sich durch unnötige innere Landes Zuwendung. Mitten im Zerlegungsprozess der europäischen Union nutzt das Land nicht die Chance als Stütze zu fungieren, nutzt nicht zusammen mit der Bundesrepublik die Gelegenheit das allein richtige zu etablieren, nämlich die Aufnahme von Menschen in Not, die von Geburt an das Recht haben, wie es auch unsere Vorfahren hatten, in einem der wohlhabendsten Kontinente der Welt ein neues friedliches Leben zu führen. Stattdessen baut man ein Gegenpol in Ost- Mitteleruopa (Visegrád-Staaten). Man fühlt sich wieder bedroht.

Fanatischer Kult in Czestochowa: 14 Meter hohe Statue von Papst Johannes Paul II

Das stimmt mich traurig, zugleich zeigt es mir auch welch ein Glück ich hatte in einem Land aufzuwachsen, indem die Regierungschefin sich offen für Menschen in Not einsetzt und damit in Kauf nimmt sich ins politische Abseits zu befördern.