Archiv für den Monat: Dezember 2015

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Esel kannte ich, das Stadtkind, nur aus Bilder- und Märchenbücher, wo sie meistens bedächtig-verläßlich, oft auch klug, manchmal sogar glücksbringend agierten. Als Junge dann erblickte ich zum ersten Mal einen Esel, ein alpiner Maulesel war’s! Über steinig-steile Pfade trug er schwere Kisten und Säcke zu einem Berggasthaus.

Seit ihrer Domestizierung am Nil im 4. Jahrhundert vor Christus hatten Esel Lasten zu tragen, die den Menschen zu schwer waren. Muß, wer sich dazu hergibt, nicht dumm sein? Auf alle Fälle dümmer als der Pfiffikus Mensch? Andererseits geriet der Esel wegen seiner Langmut in eine ambivalente Nähe zu Christus. Römer sagten den frühen Christen nach, ein Eselskopf sei ihr Gott. Ein Graffitto, 1856 am Monte Palatino zutage gefördert, zeigt einen Gekreuzigten mit menschlichem Leib und Eselskopf. Ein Spottbild? Oder soll der Esel, der die Lasten der Menschen trägt, auf den verweisen, der für uns die noch schwerere Last der Sünde trug?» Paulus: «Das Wort vom Kreuz ist denen, die verlorengehen, eine Dummheit …» (1. Korinther 1,18)

Auf einer Eselin ritt Jesus in Jerusalem ein (Matthäus 21,1-6). Wegen ihres sanften Ganges waren Eselinnen als Reittiere geschätzt. Dem sanften Gang entsprach die Verheißung: «Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitend auf einer Eselin mit einem Füllen.» (Matthäus 21,5).

Schon auf der Flucht nach Ägypten (Matthäus 21,13-15) soll ein Esel Maria und das Kind getragen haben. Im spätmittelalterlichen Frankreich gedachte man dessen mit einer Eselsmesse. In drolliger Prozession wurde dabei ein Esel zum Altar geführt. Und statt mit dem üblichen Amen schloß das Hochamt mit einem I-A! Es muß bei diesem Eselsfest zuweilen recht ausgelassen zugegangen sein. Kein Wunder, war der Esel in der Antike doch das Tier des Dionysos gewesen! Haben die Christen ihn vielleicht deswegen als dumm und geil verlästert?

Quelle: Kurt Marti, Im Sternzeichen des Esels. Sätze, Sprünge, Spiralen, Zürich/Frauenfeld (Nagel & Kimche) 1995.