Archiv für den Monat: August 2015

Lapidarium

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Alte Spielfreunde aus der Kindheit wieder gesehen. Die Serben Zwillinge. Am frühen morgen in der Innenstadt. Standen wie zwei Türme nebeneinander vor nem geschlossenen Friseursalon. Standen wie angewurzelt. Gleicher Bau. Gleiche Trainingshose. Gleicher Gesichtsausdruck. Beide mit je einer Kippe zwischen den Lippen. Die pure Trägheit. Ich erkannte sie sofort, sie mich jedoch nicht, Glück auf, es wäre ein absurdes aufeinandertreffen. Ich halte die Luft an und gehe an ihnen vorbei. Beim vorbeilaufen höre ich das klicken ihrer Feuerzeuge, einmal, zweimal, fast gleichzeitig, wie im Duett. Sie haben sich mit den Jahren eingespielt. Ich drehe mich nicht mehr um aus Furcht mich auf ein Gespräch einlassen zu müssen. Dieses Mal hab ich es geschafft, die beiden sind in weiter Ferne, doch innerlich bereite ich mich auf das nächste Wiedersehen vor. Irgendwo in Wilhelmshaven.

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Ich war nie auf einem Kinder Abenteuerspielplatz. Meine Eltern hatten nie das Empfinden mit mir dort hinzufahren. Ich danke ihnen. Sie dachten sich wohl, der Junge wird draussen vor der eigenen Haustüre sein persönliches Abenteuer finden. Recht hatten sie! Und dennoch, es war ein interessanter Besuch. Inmitten dieser selbstgebauten grossen Spielsachen, liebevoll in eigener Handarbeit angefertigt, aus Holz und Metall. Ich schaue zu wie Kinder erkunden, sich begeistern, wild toben. Ich spüre ein Verlangen mitzumachen und versuche mich an einer Schaukel Installation. Wie wahr – es macht Freude. Nicht weit von Sandkisten und Piratenbooten findet sich ein kleines Streichle Zoo und darin mein geliebter Esel. Ich renne eilig hin. Sein Schrei ist laut. Er ruft mich. Sein Schrei übertönt alles. Man muss nicht mal hinhören, der Schall frisst sich ins Ohr wie Maden in offene Fleischwunden. Schnell reiss ich Gras ab und halte es ihm vors Maul. Ich fühle Glück. Seine raue Zunge sabbert mir die Hand voll. Macht nix grosser Esel, du darfst. 

 

 

 

 

 

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Momentaufnahme auf dem Weg zum NP: ein elektronischer Rollstuhl kommt mir entgegen. Vom weiten erkenne ich sein Affenzahn. Ich schaue genauer hin: ein älterer korpulenter Mann mit blauer Latzhose, Übergröße, samt Cappie auf dem Kopf steuert das Gefährt sicher wie ein Panzer. Dunkele Sonnenbrille. Höchsttempo auf dem Bürgersteig. Je näher er anrollt, desto mehr nehme ich ein Geräusch wahr; ein Radio, volle Lautstärke, lauter geht es nicht. Ich erkenne die Melodie, ja sogar den Song, – Pharrell Williams mit Happy. Schnell rauscht er an mir vorbei, eine Momentaufnahme. Bleibe kurz stehen, ein leises Lächeln, dann geht es wieder Richtung NP.

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Bin oft bei Mama. Das beste Essen. Sie macht sich Sorgen. Ich esse. Ich esse was das Zeug hält. Manchmal reden wir miteinander und manchmal esse ich einfach nur. Das was auf den Teller kommt. Auch wenn ich nicht mehr kann, ich esse alles auf. Ich zwinge mich dazu. Mama soll nicht das Gefühl haben, dass ich es nicht wertschätze, ihre Arbeit, ihre Fürsorge. Manchmal bringe ich ihr Wäsche mit. Ich könnte die Wäsche auch selber waschen aber dann hätte Mama nichts zu tun. Ich habe das Gefühl sie macht es gerne, ihrem Kind die Wäsche waschen, so hat sie Abwechslung in ihrem Alltag, und vielleicht denkt sie, durch das Waschen der Wäsche erfährt sie mehr über mich, als wenn wir uns nur über Belangloses unterhalten. Mama ich liebe dich.

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Ola! KULA wird an diesem Samstag (15.08) ein Set in der Sued-Bar (W’haven) spielen. 

Mit Frauen hingegen geschieht noch etwas anderes, du sprichst gerne mit ihnen, es gelingt dir, sie ganz für dich einzunehmen, was in diesem Land ungewöhnlich ist; Männer reden nicht mit Frauen, sie begehren sie, mögen sie aber nicht, machen ihnen Heiratsanträge, wickeln das Geschäft der Eheschliessung ab, freunden sich aber nur mit ihresgleichen an, und die Frauen genauso, sie vertrauen sich nur gegenseitig. Die Männer haben hier Angst vor den Frauen, in ihrer Gegenwart benehmen sie sich so, als hätten sie einen Stock verschluckt, man kann zusehen wie im Freilichtmuseum, wie dieses Etwas, das sie innerlich steif werden lässt, sie wunderlich macht, sie trinken zu viel, schweigen zu viel, sind unhöflich, rüpelhaft, fordern Vergebung ihrer Sünden, Mitleid, haben ihre gründe, irgendeine Vergangenheit, eine Kindheit, sie wollen nichts überwinden, es ist schwierig, damit zurechtzukommen. Manchmal ist es, als seien Tiere zweier Gattungen zusammengetrieben worden, die normalerweise in getrennten Käfigen gehalten werden. Leises Misstrauen, eine unauflösliche Spannung.

Aus “Wurzeln” von Izabela Filipiak (Landschaften und Luftinseln – Polnische Erzählungen der Gegenwart)