Archiv für den Monat: März 2015

LAPIDARIUM

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Vor ein paar Tagen lud mich eine Kollegin zu ihrer Geburtstagsparty ein. Die Einladung kam per SMS, irgendwann nachts, ich habe es noch gehört, das vibrieren. Ich las den Text im Halbschlaf mit verklebten Augen. Am nächsten morgen schrieb ich die Absage.

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Der Bahnsteig. Es ist kalt. Früh morgens ist es immer kalt egal zur welcher Jahreszeit. Es stehen auch andere herum. Wir warten alle gemeinsam auf die Bahn. Auf der Anzeige steht 10 Minuten. Es ist still, wie versteinert, ich beobachte die Leute, sie rauchen, starren Luftlöcher, erwärmen sich an Handys. Sie bewegen sich langsam im Kreis. Laufen die gleiche Strecke ziellos auf und ab. Hin und her. Herauf und herunter. Hauptsache irgendwie die Zeit tot laufen, dann wieder der Blick nach oben zur Anzeige – noch 9 Minuten, puh! Weiter vegetieren. Mich erinnert ihre Haltung an Zombies. Zombies in der Starre. Sie schleichen herum, irren umher, stöhnen verfault. Und wenn der Zug dann endlich anrollt, stürmen sie wild entschlossen auf die Türen zu. Immer auf der Suche nach einem guten Platz weit weit weg von den anderen.

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Mit den Leuten unterwegs gewesen. Shisha. Club. Nächster Club. Afterhour bei mir. Als alle wieder verschwanden, war ich froh.

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Irgendwo aufgeschnappt: Denken wieder lebendig machen. Und: Wo der Verstand nur rechnet, kommt das Denken zu kurz.

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Gelegentliche Stöße, unerwartet empfangen, geben Menschen ihre Richtung fürs Leben.

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Ich wollte ihm schreiben, dass er doch die Freundschaft aufkündigen soll, wenn er ja sowieso nicht mehr schreibt, aber dann wurde mir klar, die Freundschaft ist schon längst aufgekündigt, ausnahmslos und stillschweigend, den alles was gesagt werden sollte, wurde bereits gesagt. Alle Szenarios die man sich denken konnte, wurde bereits ausführlich zu Ende gedacht, und was übrig bleibt von der Ruine einer einst blühenden Freundschaft, ist ein vernichtendes Urteil. Eine überholte Erinnerung an längst vergangene Tage, Orte, Menschen. Ich sudle mich in ihnen, wie ein Eber im Schlamm. Desillusioniert.

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Der Esel des stolzen Scheichs

Scheich Abu Bakr zog mit seinen Jüngern
vom Kloster einst hinaus. Der grosse Meister
sass auf dem Esel unter den Gefährten –
da liess der Esel plötzlich einen Wind.
Der Scheich geriet sogleich da in Verzückung,
schrie auf und riss entzückt sein Kleid entzwei.
Den Jüngern, die das sahen, und auch andern
gefiel das gar nicht! Welche Schande war’s!
Doch später fragt einer ihn: “O Meister,
warum bist du verzückt geworden, damals?”
Er sagte: “Nun, ich hatt’ umhergeblickt
und sah Gefährten mit mir auf dem Weg,
da waren Jünger hinter mir und vor mir –
da dachte ich: ‘Ich bin wie Bayezid!
So wie ich heute fein geschmückt hier reite
und meine treuen Jünger mir zur Seite,
so werd’ ich zweifellos mit grossem Pomp
am Jüngsten Tag zur Auferstehung kommen!’
Und als ich stolz und glücklich solches dachte,
da tat der Esel, was er gerade machte …!
Das heisst: schwatzt einer töricht, solches Zeug,
der Esel gibt die Antwort ihm sogleich!
Aus diesem Grund fiel Glut mir in die Seele,
und die Verzückung überkam die Seele.

_______Quelle: Attar

TADEUSZ RÓŻEWICZ

EIN ADLER

Oft bin ich ein Adler, so
kommts mir vor
am Schreibtisch
Ich fliege steil in den
Himmel empor
am Schreibtisch

Ich balle die Faust und drohe
der Welt
am Schreibtisch
Zerschlage die Ketten und
bin ein Held
am Schreibtisch

Den Kapitalisten heize ich ein
am Schreibtisch
Die Imperialisten schlage ich
klein
am Schreibtisch

Ich kriege und siege mich
groß und heiß
am Schreibtisch
Vielleicht auch gähne ich nur,
wer weiß
am Schreibtisch

 

 

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Manchmal frage ich mich wie es sein wird. Wenn meine Eltern irgendwann pflegebedürftig werden. Wie wird es sein für mich? Plötzlich meinem Vater unter die Arme zu greifen, ihn auf die Toilette zu begleiten, ihm womöglich zu helfen sich sauber zu machen, sich wieder anzuziehen. Sachen, die für mich selbstverständlich sind, alltäglich, die ich mit Bravour jeden Tag meistere ohne mir großartig darüber den Kopf zu zerbrechen. Wie wird es sein, wenn ich ihn jede Nacht laut husten höre, laut keuchen höre, sein ringen mit den Lungen, sein wildes schnappen nach Luft. Er, mein Vater, der gleich wohl martialisch über allem stand. Ein perfektes Wesen, den was er tat, tat er mit einer für andere nie zu erreichender Würde, was wenn dieses starke Wesen plötzlich schwach ist?  Eines Tages im urinierten Bett aufwacht, sich nicht mehr an seine Liebsten erinnern kann, sich stur stellt und wirres zeug redet oder durch starkes zittern es nicht schafft die Gabel zum Mund zu führen, was dann? Dann bin ich weiterhin sein Sohn und tue was von mir verlangt wird. Es ist nie zu spät dafür. Diese Gedanken sind grässlich, jedoch mögliche Realität, besser von zeit zur zeit sich dies in Erinnerung zu rufen.

Film: Der Richter

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Das polnische Militär kooperiert jetzt auch mit polnischen Freizeitkriegern. Die Russen auf der Krim und im Донбас (Donbas) machen es möglich. Man rückt in Polen näher zusammen. Alle paramilitärischen Organisationen des Landes werden unter einem Dachverband gestellt und sind zugleich dem Obergeneral unterstellt. Zieht man so Schlüsse aus der Geschichte? In Polen, ja. Mit dem Russen vor der Tür kriegt man im Land jede Legitimation zur Aufrüstung, das kann Milliarden kosten, da stellt sich niemand quer. Die massiven Pläne des Militärs müssen nun auch nicht debattiert werden, denn welches Argument schlägt die Annexion der Krim – in Polen keines! Jüngst stellten symbolisch die Amerikaner Patriot Stellungen unweit von Warschau auf. Eine Reaktion wiederum auf die Kurzstreckenraketen vom Typ Iskander (atomwaffenfähig) in der Enklave Kaliningrad. Man setzt eben frühzeitige auf abschreckende Signale! Die Wichtigen in Moskau sollen die Weichen wiederkennen auf dem der rasende Zug rollt. US Panzer in Lettland, Estland und Litauen. Das Baltikum schrie nach Bereitschaft und Washington hat reagiert. Gemeinsame Übungen um Willen zu zeigen. Zurecht! Moskau zeigt auch starken Willen gepaart mit Eifer aus längst vergangenen Sowjet Tagen. Bisher sieht Polens Premier Ewa Kopacz aber keinen Grund zur Panik, na dann kann der Zug ja weiter an Fahrt aufnehmen.

dummheit

Die Griechen stellen die Dummheit mit der Figur eines nackten Kindes auf einem Esel vor, es hielt ein Schilfrohr in der Hand und seine Augen waren mit einer Binde bedeckt. Man gab mit diesem Emblem zu verstehen, dass die Dummheit kindisch ist und des Bewusstsein des Mannesalters entbehrt; dass sie blind ist gegenüber den Kenntnissen wie ein Kind, plump in den Wahrnehmungen (Empfindungen) wie ein Esel, und ohne Gehirn wie ein Schilfrohr.