Archiv für den Monat: Januar 2015

 

stories of old

Sie sind nicht nur hellsichtig, sie sind auch rechtschaffen und fromm – die beiden Esel, die in den von Johann Friedrich Schröder überlieferten Legenden aus dem Jahre 1851 die Hauptrolle spielen

Rabbi Jose hatte einen Esel, den er an Andere um Lohn verlieh. Wenn nun der Esel Abends nach Hause geschickt wurde, banden die, welche sich seiner bedient hatten, ihm den Miethzins an den Hals und der Esel nahm nie mehr oder weniger an, als er verdient hatte. Einst hatte man ihm seinen Lohn auch so angehangen, aber der Esel wollte nicht nach Hause gehen. Das kam dem Miether wunderbar vor und er suchte nun nach und fand ein paar Schuhe, die er ihm angehangen aber wegzunehmen vergessen hatte. Sobald er sie ihm nun abgenommen hatte, ging das fromme, ehrliche Thier sogleich nach Hause.  Rabbi Pinchas reiste einstmals, um gefangene Juden aus der Knechtschaft zu lösen und kam mit seinem Esel an den Bach Ginai, (wo dieser zu finden sei, können wir dem Leser nicht sagen.) Da er nun über denselben musste, so sprach er: „Bach, theile dich, damit ich hindurch gehen kann!” Da fing der Bach gleichfalls zu reden an und sprach: „Du gehst zwar in guter Verrichtung und willst dem Willen deines Schöpfers Genüge leisten, ich aber thue auch den Befehl Gottes und lasse mein Wasser in’s Meer fliessen. Zudem ist es auch noch zweifelhaft, ob du das in’s Werk richten wirst, was dir aufgetragen ist, während ich meinen Auftrag ungehindert verrichte.“ Der Rabbi drohte: „Wenn du dich nicht theilst, so soll hinfort kein Wasser mehr in dir fliessen.“ Auf diese Drohung theilte sich der Bach und zwar nicht nur einmal vor dem Rabbi und seinem Esel, sondern auch noch einmal vor des Rabbi Reisegefährten, einem arabischen Kaufmanne; ja als die Reisenden am andern Ufer einen Juden antrafen, welcher Waizen in die Mühle tragen wollte, um ihn zu dem eben bevorstehenden Osterfeste mahlen zu lassen, musste sich der Bach zum dritten Male theilen, um den Juden hinüber zu lassen. Als der Rabbi mit seinem Esel in’s Wirthshaus gekommen war, wollte dieser das ihm gegebene Futter nicht fressen. Auch als man die Gerste nochmals gereinigt hatte, zeigte er keine Lust, sich zuzulangen. Der Wirth berichtete nun die Sache dem Rabbi. Dieser sprach: „Ihr habt vielleicht die Gerste noch nicht verzehntet.“ Der Wirth bekannte seine Sünde, liess sogleich den Zehnten von der Gerste nehmen, und – nun liess es sich der Esel wohlschmecken.   Quelle: “Satzungen und Gebräuche des talmudisch-rabbinischen Judenthums. Ein Handbuch für Juristen, Staatsmänner, Theologen und Geschichtsforscher, so wie für alle, welche sich über diesen Gegenstand belehren wollen.” Siehe:Google Buchsuche.

die Erinnerung wach halten

Ich war der erste am Eingangstor. Sowjetische Soldaten standen ganz in Weiß und mit Maschinenpistolen vor den Toren des Lagers. Beim Anblick der ausgehungerten Gefangenen wagten sie es nicht näher heranzutreten. Schliesslich fragte mich einer von Ihnen: “Schto ti?”, ich antwortete, dass ich Gefangener war. Er schaute mich eine Weile an, dann nahm er zwei Konserven aus der Tasche und gab sie mir. Sein Kollege gab mir sogar ein paar Stückchen Würfelzucker. Ich hatte damals an der Hand noch einen kleinen Jungen bei mir. Vielleicht gerade mal sechs Jahre alt. Er hatte seine Mutter verloren und blieb bei uns. Ich gab ihm den Zucker. Die Konserven aßen wir alle gemeinsam mit den anderen.  

HENRYK DUSZYK, Auschwitz Überlebender, und damals Acht Jahre alt. Die Deutschen nahmen ihn nicht mit auf den Todesmarsch, er war viel zu schwach, so überlebte er. 

Auch 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz Birkenau ist der Antisemitismus noch immer stark ausgeprägt in Deutschland. Nach einer Studie der Universität Bielefeld, behaupten 18% der Deutschen, dass die Juden durch ihr Verhalten selbst Schuld an ihrer Verfolgung sind. Mehr als die Hälfte der Befragten ärgerten sich darüber, dass auch noch heute ihnen von Juden eine Mitschuld angehängt wird. http://www.uni-bielefeld.de/ikg/projekte/GMF/Antisemitismus.html

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Paul Celan – Todesfuge
 

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
[Vortrag: Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf]
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith 

ZUSAMMEN.KOMMEN.NEHMEN.TANZEN.GEHEN. 240115 Oranienburg

Es setzte sich in Bewegung. Der Mob. Die Kolonne. Das letzte Ensemble. Jeder hielt an jedem fest, wir zogen gemeinsam in die Nacht, wir zogen alle durch die Prärie. Durch stockfinstere Landstrassen. Mitten im nirgendwo. Zwischen Bahnhof und Industriegebiet. Auf fremdem Boden. Nicht unweit des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Nur wenige kannten den Weg. Manch einer war das erste Mal in Oranienburg, was muss er sich gedacht haben? Und der Proberaum? Überkommt sie ein schauriges Gefühl? Werden Sie sich wohl fühlen? Immerhin war für das wichtigste gesorgt. Trinken. Essen. Programm. Ich beschloss also mich von diesen unbequemen Fragen zu lösen.

Der lange Flur. Der Keller. Die Türen. Das Labyrinth. Es fetzten die Kicks sich entlang ihren Weg, wie ein Drache, der durch die Korridore seiner Festung gleitet, und observiert, beschützt, vernichtet, dich                                                binnen Sekunden mit seinem heißen Atem grillt. Und so dröhnte der Bass, und die HiHat die zischte. Die Snare peitschte laut, so laut, dass keine Ecke mehr still blieb. Selbst der Putz, der heftig zum Takt mitritt, ließ mit jedem Einschlag der Kickdrum kleine Staubkörner regnen, sanft wie Schnee rieselten sie herab von der Decke, immerzu auf den kalten Kellerboden, nach ihrem eigenen Tempo. Es flogen Kippen auf den Teppich, Raketen der Nacht, doch ihr Schlag war harmlos. Die Gefahr wurde sofort von der tanzenden Menge gebannt, niedergetrampelt. Da glühte am Ende gar nichts mehr. Die armen Kippen. Tot. Eine unter ihnen war wie keine andere, das wurde mir beim aufsammeln klar. So viele verschiedene Marken. Jede menge selbstgebauter Filter. Unbenutzt.

   Ich weiss leider deinen Namen nicht mehr, du netter Zeitgenosse, sei mir nicht böse deswegen, es war schön das du da warst, ich weiß noch, als wir miteinander quatschten, ich versprach dir elektronische Tanzmusik, du hast dich drauf gefreut, und ja, ich habe mein Versprechen gehalten, und du hattest deinen Spaß, man sieht es dir an.       Paules Jim Beam Flasche. Er hat sie bekommen. Und ich einen Gast mehr. Man muß es verstehen; ohne diese Flasche wäre Paul erst gar nicht erschienen. Scheiße wäre dies. Die Party wäre nicht die gleiche, sie wäre berechenbarer. Das geht nicht. Deswegen war dieser Whiskey mein Köder. Am Ende war der Schriftzug der einzige Zeuge. Paul war dabei. Ich fand die leere Flasche beim Aufräumen hinter einem der Lautsprecher.