Archiv für den Monat: September 2014

quo vadis homo

Die Welt ist ein halber Brandherd. In keinem guten Zustand. Es werden zwar keine Kriege geführt, das war mal, doch gibt es viele kleine militärische Konflikte rund um den Globus, die vor Jahrhunderten errichtete Ordnung ist am wanken. Alte und neue Regionen zerfallen, Völker feiern falsche Ideale, ein Nährboden für Zwietracht. Etliche Klimagipfel enden mit bescheidenen Ergebnissen, diesmal wenigstens unterstrich Obamas Anwesenheit die Wichtigkeit solcher Meetings. Unsere Bomben werfen wir ins ungewisse. Und wir staunen, diskutieren, fordern, ducken uns weg. Am Ende wollen alle mehr Geld und Wohlstand. Stabilität. Wir sind am Wachstum interessiert, an endlosen Baustellen, an unserem eigenen persönlichen Wohlstand, so haben wir es gelernt. Wir wollen keinen reinen Wein im Becher, wollen nicht kombinieren, verstehen, uns von oben betrachten. Wir wagen es nicht die Sicht zu ändern. Ein dauerhafter Frieden interessiert uns doch gar nicht, warum den auch, wir haben das Hamsterlaufrad, unsere eigenen wahnsinnigen Struggles wie die Dinge laufen sollten. Ach, zum Teufel noch mal, sollen es doch die anderen richten, so wie all die Jahre zuvor. Still leise das Reale verdrängen, eine urmenschliche Königsdisziplin. Wir ökonomisieren unsere Jüngsten, frische ahnungslose Bürger, wir züchten sie zurecht auf die Wirtschaft, auf den Orkan da draußen, auf Sollen und Haben, auf Gut und Böse. An den Unis, eng beieinander, sitzen leere Erwartungen, sie legen Referate und Folien zurecht, und warten, warten auf den Professor. Überfüllt sind sie, müde, kein Ort für Zeit und Diskussionen, keine Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, bloß Fabriken mit modernen Anlagen zur Massenabfertigung. Menschen, sie verschulden sich jeden Tag, den ihr Traum vom Leben ist mit der Überzeugung verbunden, dass das persönliche Glück allein davon abhängt, möglichst immer viel Geld zu besitzen. Kann man es verübeln? Ist das Fleisch nicht schwach und wir ledig gefügige Diener? Die Verlockung etwas sofort zu kaufen, endgültig zu besitzen, aus welchen Gründen auch immer, würde sogar bei Hingeschiedenen den Instinkt zum Impulskauf wecken. Konsumiere! Die Kapitalismusgegner, gärt da noch überhaupt etwas, sind uns irgendwie fremd, weit weg, wie Anomalien im modernen System, faule Rebellen, die sich vor der Aufgabe drücken sich am Gemeinwohl zu beteiligen, also Steuern zu zahlen. Wir schmeißen Urteile und belächeln ihre Demonstration. Wir halten den Protest für reine Zeitverschwendung. Ihre Attitüden vom “Strassenkampf” sind nicht zeitgemäß für uns, blamabel und immer noch von gestern, dann doch lieber den Tag richtig nutzen, viel sparen, um als Greis nicht vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Das Leben, es ist nicht mehr so sicher und schön wie vor zwanzig, dreißig Jahren. Es gibt keine Garantien mehr. Unsicher ist es, irgendwie schmuddelig, du musst jetzt kämpfen, dir dein Stück der Beute ergattern, wie die Hyänen, musst du dein Opfer umzingeln, hungrig und heulend, in der Nase die Beute, frisches Fleisch, totes Gewebe, die Reihenfolge, von oben nach unten, eine strikte Hierarchie. Alles beim Alten, schon seit Tag X. Opfer und Täter. Arm und Reich. Schön und Hässlich. Schlau oder Dumm. Nie war es anders mit uns. Die künftige Generation wird in Schulden hineingeboren, quasi als Säugling schon in Ketten gelegt, oder noch besser: in eine Schuld hineingeboren. Schuld an der auch wir hängen. Du und ich. Hauen wir den Neugeborenen auf den Popo, und rufen ihnen zu: go find a job! Wie in einem gottverdammter Ring, wie beim WWF Royal Rumble, alle im selben Becken, jeder dem nächsten eine Hyäne. Wer Schwäche zeigt, fliegt. So sind wir, eisern stumpf, herein gedrückt in Stein und Stuck, wie ein Nagel der nicht mehr herauszuholen ist. Ja, wir sind alte rostige Nägel, fest mit der kalten Wand verwachsen, auf ewig mit ihr verbunden, betraut mit nur einer essentiellen Aufgabe, nämlich Dinge an der Wand zu halten. Manchmal denke ich, unser ganzer Irrtum ist ein Teil unseres geliebten Wesens, den weit sind wir schon gekommen, wir, der Homo sapiens. Wie wunderbar können wir uns kümmern, lieben, verzichten, geben, arrangieren, oder gar mitfühlen, und wie herrlich im selben Augenblick großflächig morden, massakrieren, ausradieren, misshandeln oder gar uns selbst zerstören. Wir können das. Wir beherrschen das. Tag für Tag. Jahr für Jahr. Es ist nur eine Wahl. Generationen werden in ferner Zukunft über uns lesen. Fakt! Über unsere Epoche, unsere produktive Zeit hier. Eine Art Abschlusszeugnis, welches sich mit Deutlichkeit ein Urteil über uns erlaubt. Eine ernüchternde Abrechnung. Ein kleines Kapitel, ein paar wenige Jahre Menschheitsgeschichte auf dem Gestirn, ein kurzer Moment, ein Augenblick, ein mickriges Sandkorn, abgelegt in der Trockenwüste. Unser Vermächtnis. Es wird den zukünftigen Nachzüglern obliegen, endlich mit einem entschlossenen Schritt aus der Legasthenie der Jahrhunderte herauszutreten. Endlich sich dem Gemeinwohl und nicht vorrangig, dem Eigenen anzunehmen.

Sachen verschwinden. Einfach so. Ich lege etwas ab um es später zu suchen. So wie vor kurzem, weiß nicht mehr was für ein Wochentag, jedenfalls bin ich voll im Zeitplan, kurz vor dem langen Marsch zu Arbeit. Habe alle Abläufe mit Bravour gemeistert, bin angezogen, frisch gewaschen, nur noch Jacke zur Hand, Handy in die Jeans, und… der Schlüssel! Mein Blick richtet sich auf die leere Stelle, gestern lag hier noch ein Schlüssel, nichts mehr da. Schnell die Augen kurz schließen und noch mal nachsehen, vielleicht geschehen doch Wunder, und der Aufwand ist minimal, doch nichts, noch immer kein Schlüssel. Jetzt beginnt die Show, das große Rennen gegen die Kettenhunde der Zeit. Der Kopf die Schaltzentrale. Ich habe das durch studiert. Mehrmals. Das gesamte Szenario. Man muss ruhe bewahren, man muss Dinge ausschließen, das Suchfeld so klein wie möglich halten, nach bohren, ständig, im Kopf jeden Schritt in Zeitlupe durchgehen. Immer und immer wieder. Dann werden aus Sekunden schnell Minuten. Der Erfolg lässt auf sich warten. Es wird hektischer. Zum dritten mal nun geht man alles ab. Schaut sogar auf der Toilette nach. Schwermut macht sich breit und der Ablauf mittlerweile aber so was von gestört, völlig im Arsch, ich könnte kotzen, ja, der ganze Tag beginnt schon beschissen, warum nur. Was bringt es jetzt den Klamottenberg das zweite Mal zu durchwühlen. Was bringt es noch mal den Tisch zu bestaunen. Jegliche Aktion meinerseits riecht nach Verzweiflung. Und wäre statt dem Schlüssel, sagen wir mal der MP3 Player verschwunden, kein Problem, ich hätte mich schon längst umgedreht und hinter mir die Tür zugeknallt. Der Ärger wäre nicht so gross. Ein Schlüssel ist da anders, drauf zu verzichten ist keine Option. Pause. Ich setzte mich kurz hin. Starre den Fußboden an, dann der Blick rüber zur Wand, hinunter bis zu der kleinen Kolonie der leeren Flaschen, dann hastig zur Uhr, die Ziffern ernüchtern mich. Bringen mich wieder schnell zurück. Der Motor springt an. Wo warst du eigentlich gestern? Unterwegs. Und dann? Nach Hause gekommen. Welche Jacke hattest du an? Die blaue…, langsam begreife ich, stehe auf, renne rüber zu Jacke, die treue Seele, wenigstens bist du immer an der selben Stelle, greife sie mir, rüttle wie ein wilder und höre, höre ein leises klimpern. Endlich, ich kenne dieses Geräusch! Kenne es nur allzu gut. Der Schlüssel, er befand sich tatsächlich in der Jackentasche. Natürlich wo den sonst! In diesen Augenblicken überkommt es mich immer ganz kurz, ähnlich einem erlösenden Einschlag. Eine sanfte Zufriedenheit, ein Aufprall, wie bei einer Wassermelone in Zeitraffer. Ähnlich einem Echo, dessen Schall die gesamte Schale durchdringt, Knochen, Fleisch und Haut elektrisiert und wieder loslässt. Ganz von innen heraus, ganz von allein, ohne Zwang. Schön, doch nur von kurzer Dauer, den der Zeitplan ist jetzt wichtiger.

Es ist 3:24 Uhr. Ein früher Sonntag Morgen. Statt mich wie üblich dem Schlaf hinzugeben hocke ich hier, wohlgemerkt, ich sitze. Starre gebannt auf den Bildschirm, verfolge die Buchstaben, die wenn man so will, um die Wette laufen. Wie lange willst du hier noch wach bleiben, dünkt es mir. Bist du nicht langsam müde, reif für die Kiste. Und ständig das pochen, das fiese klopfen, immer wieder, ganz nahe an der Kopfschläfe, schlimm, als ob die grobe Faust des Schmerzes sich mir persönlich angenommen hat, mich nicht in Ruhe lässt. Ich massiere sanft die Stelle, wenn man so will mein Ground Zero zur Zeit, also zwei Finger zum Punkt des Geschehens und einen kleinen Kreis ziehen, ständig wiederholen, immer wieder, das hilft, jedenfalls für eine Weile, dann pocht es wieder erneut. Das Fenster ist leicht zu Seite geöffnet, kalt ist es nicht, der Sommer lässt noch ausklingen, draussen bricht langsam ein neuer Tag herein, ab und zu hört man die Tram bremsen, ein herrliches Geräusch, dann wieder Leute die vom feiern Heim kommen, Pläne schmieden obwohl alles längst zu Ende ist. Die Nacht sie geht dahin,  wie immer launig, man spürt förmlich den Wechsel der beiden, die zwei himmlischen Brüder, Abend und Morgenland, welch Wiege entsprangen sie wohl. Beide läuten den Zyklus, immer wieder seit Anbeginn. Ganz schön ernüchternd dem beizuwohnen.

Schlaflos

wenn alle stricke reissen, greift er zu einer gewagten flucht – schon wieder. er holt sich einen esel aus der kinderzeit. dieser erzählt eine schöne geschichte aus jener zeit. nicht spektakulär, ohne eine pointe. das weise tier begreift, worum es geht, und wiederholt nacht für nacht dieselbe geschichte, um die wachheit zu besänftigen. ich streichle seine ohren, schliesse die augen und lausche seiner stimme – bis der schlaf uns besiegt.  SAID NZZ – 8. Juni 2013