Archiv für den Monat: Juni 2014

Helena

Ich bewundere meine Oma. Sie ist ein Dinosaurier, den im Raum waren sieben Personen, der Jüngste 8 Monate alt, der älteste 41 Jahre jung, und sie alle, sie alle waren schon mal als Baby bei meiner Oma. Alle verbrachten ihre Kindheit in dieser Wohnung an der Strasse Krótka. Meine Oma, am Zenith des Mitgefühls angekommen, Generationen aufgezogen, schon für über Tausend Leute gekocht, sie verdient mehr als nur Anerkennung. Wie kann man ihre Leistung überhaupt messen? Allen hat sie schon mal die Windeln gewechselt, allen hat sie das Fläschchen gegeben, allen sang sie das selbe Schlaflied. Wer hat da mehr Last auf seinen Schultern zu tragen Messi oder Oma? Sie sagt, dass sie es hasst, die Verlierermannschaft, die Spieler bei der WM, weinen zu sehen. Sie tun ihr einfach leid. Den Tränen selber nahe, kann sie nicht mehr, und knipst den Fernseher aus. Ist sie nicht großartig? Sie bestätigte die Geister Geschichte. Demnach war es mein Opa der uns damals in der Wohnung besuchte. Ich schlief als Kleinkind im gleichen Zimmer wie Oma, dann irgendwann mitten in der Nacht, ging das Licht in der Küche an. Ich öffnete die Augen und sah den Schatten von Opa. Er war in der Küche. Meine Oma sprach damals leise zu mir, dass er manchmal nach dem rechten schaue, dies sei ganz normal, eine Art Kontrollgang. Das beruhigte mich irgendwie obwohl ich genau wusste, dass Opa schon seit paar Monaten tot war. Meine Oma überlebte den zweiten Weltkrieg und ihr eigenes Kind. Ich weiss nicht ob ich beim nächsten Tczew Besuch Oma noch lebend sehe, dies war meine Befürchtung vor der Fahrt, doch jetzt, nachdem ich sie gesehen hab, wie sie mit meinem Neffen spielt, wie sie mit ihm lacht, ihn durch die Luft wirbelt, weiss ich genau, dass Helena Froehse (geb. Rajkowska) noch großartige Jahre vor sich hat.

tczew

             

Die Weichsel ist Abends leise. Es herrscht stille. Nun hört man Kriechtiere in Gräsern summen, wilde Lieder singen. Kein Wind. Das schöne Weichselufer wird für die Gattung Paare attraktiv. Es sind nur wenige. Sie schlendern dahin, manche Arm in Arm, diese sind wohl gefestigt, andere mit Abstand zueinander, diese sind wohl zum ersten Mal da. Alle locker unterwegs. Sie stürzen sich ins Licht. Die vielen Laternen draussen, das Labyrinth, ich find es nicht übertrieben, sie lassen ein Lichtermeer aus hellen Wellen empor steigen. Tausende Licht Ufos. Die alte Vistula scheint an dieser Promenade langsamer zu fliessen. Vielleicht geniesst sie das schöne Spektakel auf ihrem langen Weg Richtung Ostsee, vielleicht aber, ist es die Brücke, diese lange Brücke, gewiss scheint sie nicht so zu strahlen, so vital zu wirken, wie die in Köln am Hauptbahnhof, doch hier geht’s nicht ums profilieren, ihre Lichter, die sich widerspiegeln auf der Oberfläche des Flusses, sie sind zurückhaltend. Fast dunkel. Sie überschatten viel mehr, als das sie betonen.

Sie sind Freunde, die Brücke und der Fluss. Man spürt es. Sie arrangieren sich. Das schwappt über aufs Eiland. Der Platz ist sicherer geworden. Selbst nach Zehn tummeln sich noch Kinder auf der Schaukel, kommen Fahrradfahrer vorbei, und nicht zu vergessen – die Paare. Das war nicht immer so sicher. Zwei Kinder fahren auf den Bikes. Sie betrachten kurz die Plakate am Wegesrand, „schau“, sagt der eine zum anderen, „hier steht 10 Jahre Mitglied in der Europäischen Union!“.

Das Bild fügt sich. Tczew wurde mit Finanzspritzen unter die Arme gegriffen. So wie in vielen anderen Städten. Es wurde kräftig restauriert, erneuert, umgebaut, ich sehe es überall, die Stadt hat profitiert. Neue Wohnviertel entstehen, Dirschau wächst. Nur die Lidl Filialen, wie man sie kennt mit Parkplatz und Einkaufswagen draussen, stören. Die Kehrseite des Aufschwungs. Der Charme der Vistula ist geblieben. Hier, an diesem Ufer wirkt die Erinnerung an meine Stadt am dollsten, so wie ich sie kannte, so wie ich sie kenne, stetig kräftig konstant. Hier gibt es keine neuen Filialen und Industriegebiete. Der Konsum wurde zurückgehalten. Hier. Am Weichselufer. Endlich, der Fluss kann zu Ruhe kommen.

MOND, ESEL, BLAUDISTEL


Ich lenkte heut Nacht dies sonderbare Stück Geflügel
das man Auto nennt
und sah einen Esel an einem Mondbusch schnuppern
und die unglaublich roten Beeren verschlingen
Im Paradies war seine lange Zunge
mit seligen Geschmackspapillen
(Wer findet Worte für die Freuden einer Zunge
im schwarzen Brombeerensaft!)
Ich hielt den ungeschickten Wagen an
und sah die großen Eselsohren
als Schattenspiel vor dem Mond
der damals richtig golden war
und hörte sein großes Eselsherz schlagen
wogegen das meine, ein winziges Getriebe
dies veraltete Uhrwerk, mir armselig schien
Gern hätt ich ein stachliges Herz gehabt
um Dinge und Menschen zu verschlingen
und als Kollegin eine Blaudistel
die zarte Nahrung der Esel

O Esel im Mondschein, im Grund bist du mein Bruder!                                                               Odile Caradec, aus “Katzen, Damen, Funken”