Archiv für den Monat: Mai 2014

Das Märchen vom Rotkäppchen

Es war einmal auf der Welt ein Kadett, der trug auf dem Kopf ein rotes Barett. Denn wenn er das rote Käppchen nicht hätt, hätt gar nichts Rotes an sich der Kadett. Er hört: irgendwo sprengt das Volk seine Ketten. Gleich sieht man im roten Barett den Kadetten. Es lebten sorglos, behaglich und nett Grossvater, Vater und er, der Kadett. Da erhob sich einst ein gewaltiges Wettern und riss das Barett vom Kopf des Kadetten. Da stand er ganz schwarz. Und gleich, wie die Kletten, befielen die Wölfe der Revolution den Kadetten. Der Wölfe Diät ist bekannt: den Kadetten frassen sie auf mitsamt den Manschetten. Macht ihr Politik einst, ihr Knaben und Mädchen, vergesst nicht das Märchen von jenem Kadettchen.                         Wladimir Majakowski, 1917

Jaruzelski

                                       * 6. Juli1923 in Kurów, Lublin † 25. Mai 2014 in Warschau

Wählt!

Am 25. Mai geht es um Europa. Es steht an, die edle vorzügliche Wahl zu treffen, um seine Stimme dem richtigen Abgeordneten für das europäische Parlament zu schenken. Es geht um die Zukunft verdammt! Es geht um den Weg und die Richtung, die Europa einschlägt oder einschlagen soll. Eigentlich geht es um die grosse Preisfrage: mehr Europa wagen oder mehr Nationalstaat zulassen? Und machen wir uns nichts vor, mehr Europa wagen, dass muss ja auch mal so gesagt werden, bedeutet schlicht weg, dass man Zuarbeitet auf ein langfristiges Projekt, dass man weiterverfolgt einen wichtigen Plan, den kluge Köpfe ins Rollen gebracht haben, damals vor etlichen Jahren, wie sie zusammen kamen, de Gaulle, Adenauer, sie habens miterlebt, voller Wut, Kriegsmüde, Sie waren es leid, die vielen Toten umgaben sie, und sie schworen sich, nie wieder Krieg. Sie hofften auf die Vereinigten Staaten von Europa. So oder so ähnlich. Europäer müssen wissen wofür sie stehen und wovor sie sich distanzieren. Das ist die europäische Identität. Nirgendwo auf der Welt findet man auf engem Raum, so viele Menschen, die so viele Sprachen sprechen. Und bilde ich es mir etwa ein, dass der Schlüssel zur Europas Einheit, das Bekenntnis zu Differenzen ist.                             

 

Über meine Narrheit

Ich werfe mich mit aller Gewalt in die Philosophie, die Kunstsprache ist abscheulich, ich meine für menschliche Dinge müsse man auch menschliche Ausdrücke finden; doch das stört mich nicht, ich lache über meine Narrheit und meine, es gäbe im Grund genommen doch nichts als taube Nüsse zu knacken. Man muß aber unter der Sonne doch auf irgend einem Esel reiten, und so sattle ich in Gottes Namen den meinigen; für’s Futter ist mir nicht bang, an Distelköpfen wird’s nicht fehlen, so lang die Buchdruckerkunst nicht verloren geht. … Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen. Ich bete jeden Abend zum Hanf und zu d. Laternen.                                                                                                                     Georg Büchner, Brief an August Stoeber, Darmstadt, 9. Dezember 1833