Kategorie-Archiv: Lapidarium

Irgendwo in Wilhelmshaven. Jede Einfahrt bietet glänzende Autos. Das Blech schimmert. Das Auto wie auf dem Präsentierteller. Sauber geleckt. Als ob sie nie einer gefahren hätte, die Karre, nur für diesen einen Zweck gebaut, um vor der Hauseinfahrt in der Sonne zu glänzen. Und immer sind es Geländewagen. Geländewagen so weit das Auge reicht. Grosse dicke Schwanz-Gelände-Kutschen. Schaut her, mein Haus, mein Auto, mein Konto. Mmhh…, denke ich mir und lach in mich hinein, dann gehe ich weiter. Ein kalter Windhauch zerstört mir die schon schlecht sitzende Frisur. Ich lass meine Finger den Rest zerstören.

Drei ältere Damen. Irgendwo in Wilhelmshaven. Ein Dackel. Alle fatal gekleidet. Es schert sie einen Dreck. Sie stehen am Strassenrand. Sie plaudern, sie lachen, sie sagen ja, ja, ach, wo den.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe: eine ältere Frau mit zwei Hunden. Das war zu erwarten. Der eine Hund eilt ihr etwas voraus. Ein belgischer Schäferhund. Schwarz. Bildhübsch. An der Kreuzung wartet der Hund brav artig auf sein Frauchen. Sie kommt irgendwann an, mit Sonnenbrille, und gibt, nachdem sie die Kreuzung kurz prüfte, ihr Okay. Daraufhin überqueren beide sicher die Strasse, so, als ob es das normalste der Welt wäre. Artig brav. Nirgendwo ist ein Auto zu sehen. Totenstille. Irgendwo in Wilhelmshaven.

Ungewohnt das Moin von überall zu hören. Als ich es nur sagte, und es von mir nur zu hören war, war es Unique für mich. Ein Teil von mir. Wiedererkennung. Jetzt ist es uninteressant. Nichts besonderes mehr, da jeder so spricht, zur jeder Uhrzeit. Ich versuche es nicht mehr zu sagen. Moin. 

Lapidarium

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Allmählich wurde mir offenbart, dass die Linie die Gut und Böse trennt nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien verläuft, sondern quer durch jedes Menschenherz. Man kann das Böse nicht gänzlich aus der Welt verbannen, man kann es nur in jedem Menschen zurückdrängen. Damals erkannte ich den Trug aller Revolutionen der Geschichte. Sie vernichten nur den jeweiligen Träger des Bösen und da sie in der Eile nicht unterscheiden, auch die Träger des Guten. Dadurch vermehren sie das Böse und übernehmen es als Erbe. // Aus dem Buch:  Arkhipelag GULAGAleksandr Solzhenitsyn

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Falkenstein. So würde ich gern mit Nachnamen heissen, wenn ich Deutscher wäre.

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Die Haare wurden geschnitten. Ihre Stimme war diesmal anders. Ich erkannte es. Die Stimme war nicht mehr dieselbe. Es war nicht mehr die Stimme, die zwar hinfällt aber sofort wieder auf den Beinen ist, um vom neuen die Burgmauer zu stürmen, nein, diesmal war etwas an der Stimme anders. Nachfragen jedoch wollte ich nicht, es reichte mir schon das nachdenken darüber.

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Die Musik von Sting bringt mich am besten zur Entspannung. Gut im Leben wenigstens dies herausgefunden zu haben.

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Ich habe gelesen man sollte aufpassen was man so denkt, wenn man alleine ist. Kann schon sein. Vermutlich sollten die aufpassen, den sie sind gemeint, derer Gedankenfluss keinem von prächtig geordneten Grachten gekennzeichneten Wasserkanälen gleicht, sondern viel mehr einem wilden unberechenbaren Strom ähnelt. Wenn jeder Mensch unter ständiger Beobachtung stehen würde, würde er dann nicht logischerweise weniger übel gegen das Gesetz verstossen?

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Nach dem Weltkrieg: wie kann sich die Welt für frei erklären, wenn sie die Vernichtung der Juden zugelassen hat?

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Weshalb gibt es eigentlich immer die gleichen Präsidentschaftskandidaten in den USA. Die Clintons, die Bushs… fast wie in einer Monarchie, das Zepter wird stets weitergereicht. Mein erstes Hörbuch ist zu Ende über die Macht und ihr Netzwerk: Bill Clinton – Mein Leben. 

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Der dritte Kaffee schon. An diesem Tag ist es endlich mal an der Zeit den Desktop aufzuräumen. Überall angefangener Sachen die schlicht nie zu Ende geführt wurden. Überall Symbole. Ein stummes Zeugnis meiner taten. Viele kann ich nicht mehr entziffern. Keine Ahnung wie lange diese Dateien schon auf dem Desktop überdauert haben, viel zu lange jedenfalls. Du willst nicht sofort löschen, da dir eine Stimme zuflüstert, dass du es eventuell irgendwann gebrauchen könntest. Schwach! Wie mit Klamotten!? Nimm dir vor auszumisten und bereits nach wenigen Sekunden meldet sich eine überaus sensible Stimme die besorgt Ängste äußert darüber dies oder jenes nicht wegzuschmeissen, könnte später ja von wichtiger Bedeutung sein. Ich höre gerne mal rein, lasse der Stimme ruhig ihren Chefcharakter, dann wird jedoch eigenständig entscheiden: behalten oder herausschneiden. Wie ein Chirurg.

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Wenn der Baron Gedichte aus dem Flugzeug abwarf, verwandelten sich die Soldaten in Dichter.

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Wahrscheinlich gehört es zum erwachsen werden dazu, wahrscheinlich ist es ein elementarer Teil unseres Lebens, dem ein jeder irgendwann mal gegenübersteht. Die ultimative Reifeprüfung. Der eine Schritt. Erst wenn du das, was dir am wichtigsten ist, am teuersten, aufgibst, deine persönlichsten Träume, deine Erwartungen an denen du festhältst, erst dann,  wenn du zugunsten anderer entscheidest, kommst du zur nächsten Etappe. Ich beobachte, dass dieser Schritt für viele unmöglich ist.

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Ich kennen ihren Namen, ich kenne ihren Namen, er lautet: Maria!

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Der Kaffee ist schon wieder über den Tisch gebrettert. Einfach umgekippt. Das schwarze Gold ergoss sich über Klaviatur und Zettel. Die trübe Lava bannte sich ihren Weg über den gesamten Schreibtisch. Vollgekritzelte Blätter saugten die Brühe sofort beim ersten Kontakt auf. Das leere Blatt sog die dunkele Brühe sofort auf, verschaffte mir Zeit damit ich zum Klo rennen kann  Toilettenpapier zu holen. Ich musste unweigerlich an das Wasser denken, welches mir vor Monaten schonmal die Tastatur versaut hat. Wieder meine Schuld. Ich habe damals mit dieser kaputten Tatstatur so lange weitergearbeitet bis endlich andere Leute mir eine neue besorgt hatten. Für mich war die Welt schon immer heile, egal wie oft der Becher umkippt.

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Lapidarium

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Früher oder später erfindet jeder eine Geschichte, die er für sein Leben hält.

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Über das gehen: schlendere wie ein Kamel das dabei wiederkäut, genau so kannst du beim gehen deinen Gedanken nachhängen.

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Putin spricht mit den Bürgern des Landes. Live. Das macht er schon seit 14 Jahren so. Die Fragen werden ins grosse, gut beleuchtete Studio übertragen. Die Menschen, zugeschaltet und projiziert auf einen riesigen LCD Bildschirm, dürfen von Angesicht zu Angesicht ihrem Präsidenten Fragen stellen. Er beantwortet akribisch alle Fragen. Die besorgten Bürger sind zufrieden und beruhigt. Putin, ganz im Fokus und optimistisch, prognostiziert Hoffnung, sieht Sanktionen als Vorteil für sein Land, – bereits in zwei Jahren werde man von der Krise nichts mehr spüren. Russland und die Realität. Der stille Ozean der eigenen Einsamkeit. Warum ist man in der Lage seine eigene Isolation so gekonnt zynisch zu überspielen, wie sonst, ausser man ist nicht klar bei Verstand, kann man behaupten Russland hege keine imperialen Ambitionen, wenn zeitgleich und kontinuierlich russische Kampfjets den Luftraum mehrerer Länder verletzen, fragt die Balten, die singen euch ein Lied davon. Aber immerhin, das erwähnt er, kein Vasall der Vereinigten Staaten sondern ein unabhängiges souveränes Land sei man. Man hat irgendwie das Gefühl jeder Bürger des Riesenreiches ist zu Wort gekommen an diesem Tag, in den vier Stunden auf Sendung. Die Babuschka, der Arbeiter, der junge Student. Der Durchschnittsrusse. Was hätten sie ihn wohl gerne wirklich gefragt? Ihm ins Gesicht gesagt? Der Mensch in Russland schweigt eben und erträgt.

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Aus dem Film Stalker: Schwäche ist etwas grosses und Stärke gering. Wenn der Mensch geboren wird ist er schwach und biegsam, wenn er stirbt ist er fest und hart. Wenn ein Baum wächst ist er zart und biegsam, aber wenn er trocken und starr wird, stirbt er. Härte und Stärke sind Gefährten des Todes. Biegsamkeit und Schwäche bekunden die Frische des Seins, deshalb kann nichts siegen was verhärtet ist.

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Ich verbringe mehr Zeit damit nach Material für geeignete Filter zu suchen, als damit für eine Mahlzeit zu sorgen.

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betathome titelt am Ende ihrer beschissenen Werbung mit grossen Lettern: das Leben ist ein Spiel. Diese Vollidioten!

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LAPIDARIUM

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Vor ein paar Tagen lud mich eine Kollegin zu ihrer Geburtstagsparty ein. Die Einladung kam per SMS, irgendwann nachts, ich habe es noch gehört, das vibrieren. Ich las den Text im Halbschlaf mit verklebten Augen. Am nächsten morgen schrieb ich die Absage.

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Der Bahnsteig. Es ist kalt. Früh morgens ist es immer kalt egal zur welcher Jahreszeit. Es stehen auch andere herum. Wir warten alle gemeinsam auf die Bahn. Auf der Anzeige steht 10 Minuten. Es ist still, wie versteinert, ich beobachte die Leute, sie rauchen, starren Luftlöcher, erwärmen sich an Handys. Sie bewegen sich langsam im Kreis. Laufen die gleiche Strecke ziellos auf und ab. Hin und her. Herauf und herunter. Hauptsache irgendwie die Zeit tot laufen, dann wieder der Blick nach oben zur Anzeige – noch 9 Minuten, puh! Weiter vegetieren. Mich erinnert ihre Haltung an Zombies. Zombies in der Starre. Sie schleichen herum, irren umher, stöhnen verfault. Und wenn der Zug dann endlich anrollt, stürmen sie wild entschlossen auf die Türen zu. Immer auf der Suche nach einem guten Platz weit weit weg von den anderen.

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Mit den Leuten unterwegs gewesen. Shisha. Club. Nächster Club. Afterhour bei mir. Als alle wieder verschwanden, war ich froh.

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Irgendwo aufgeschnappt: Denken wieder lebendig machen. Und: Wo der Verstand nur rechnet, kommt das Denken zu kurz.

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Gelegentliche Stöße, unerwartet empfangen, geben Menschen ihre Richtung fürs Leben.

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Ich wollte ihm schreiben, dass er doch die Freundschaft aufkündigen soll, wenn er ja sowieso nicht mehr schreibt, aber dann wurde mir klar, die Freundschaft ist schon längst aufgekündigt, ausnahmslos und stillschweigend, den alles was gesagt werden sollte, wurde bereits gesagt. Alle Szenarios die man sich denken konnte, wurde bereits ausführlich zu Ende gedacht, und was übrig bleibt von der Ruine einer einst blühenden Freundschaft, ist ein vernichtendes Urteil. Eine überholte Erinnerung an längst vergangene Tage, Orte, Menschen. Ich sudle mich in ihnen, wie ein Eber im Schlamm. Desillusioniert.

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Manchmal frage ich mich wie es sein wird. Wenn meine Eltern irgendwann pflegebedürftig werden. Wie wird es sein für mich? Plötzlich meinem Vater unter die Arme zu greifen, ihn auf die Toilette zu begleiten, ihm womöglich zu helfen sich sauber zu machen, sich wieder anzuziehen. Sachen, die für mich selbstverständlich sind, alltäglich, die ich mit Bravour jeden Tag meistere ohne mir großartig darüber den Kopf zu zerbrechen. Wie wird es sein, wenn ich ihn jede Nacht laut husten höre, laut keuchen höre, sein ringen mit den Lungen, sein wildes schnappen nach Luft. Er, mein Vater, der gleich wohl martialisch über allem stand. Ein perfektes Wesen, den was er tat, tat er mit einer für andere nie zu erreichender Würde, was wenn dieses starke Wesen plötzlich schwach ist?  Eines Tages im urinierten Bett aufwacht, sich nicht mehr an seine Liebsten erinnern kann, sich stur stellt und wirres zeug redet oder durch starkes zittern es nicht schafft die Gabel zum Mund zu führen, was dann? Dann bin ich weiterhin sein Sohn und tue was von mir verlangt wird. Es ist nie zu spät dafür. Diese Gedanken sind grässlich, jedoch mögliche Realität, besser von zeit zur zeit sich dies in Erinnerung zu rufen.

Film: Der Richter

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Das polnische Militär kooperiert jetzt auch mit polnischen Freizeitkriegern. Die Russen auf der Krim und im Донбас (Donbas) machen es möglich. Man rückt in Polen näher zusammen. Alle paramilitärischen Organisationen des Landes werden unter einem Dachverband gestellt und sind zugleich dem Obergeneral unterstellt. Zieht man so Schlüsse aus der Geschichte? In Polen, ja. Mit dem Russen vor der Tür kriegt man im Land jede Legitimation zur Aufrüstung, das kann Milliarden kosten, da stellt sich niemand quer. Die massiven Pläne des Militärs müssen nun auch nicht debattiert werden, denn welches Argument schlägt die Annexion der Krim – in Polen keines! Jüngst stellten symbolisch die Amerikaner Patriot Stellungen unweit von Warschau auf. Eine Reaktion wiederum auf die Kurzstreckenraketen vom Typ Iskander (atomwaffenfähig) in der Enklave Kaliningrad. Man setzt eben frühzeitige auf abschreckende Signale! Die Wichtigen in Moskau sollen die Weichen wiederkennen auf dem der rasende Zug rollt. US Panzer in Lettland, Estland und Litauen. Das Baltikum schrie nach Bereitschaft und Washington hat reagiert. Gemeinsame Übungen um Willen zu zeigen. Zurecht! Moskau zeigt auch starken Willen gepaart mit Eifer aus längst vergangenen Sowjet Tagen. Bisher sieht Polens Premier Ewa Kopacz aber keinen Grund zur Panik, na dann kann der Zug ja weiter an Fahrt aufnehmen.