Warszawa I

Sie halten uns an. Die Policja. Sie patrouilliert in der Altstadt. Es ist recht einsam für die Männer. Niemand ist draussen, nur wir und die Cops. Sie bitten uns die Bierflaschen zu verstecken. Einfach hinter der Jacke verschwinden lassen. Sie machen es vor. Wir machen es nach. So ist es nun mal heutzutage. Öffentlich mit Bier herumzulaufen gilt als Anstößig. Besonders in der Altstadt. Ich vergass. Wir gehorchen. Alles ist freundlich. Er fragt wo wir herkommen. Ich erläutere ihm mein Lebensweg, die frühe Ausreise aus der Heimat. Ich wollte nicht weg, erkläre ich mich ihm, der Alkohol wirkt, es war die Idee meiner Eltern, entgegne ich bestürzt. Sie lachen. Wir lachen. Sie verstehen den Joke. Und ich merke, dass meine Eltern als Sündenbock herhalten mussten. Gut so. Wir gehen weiter. Ich setzte an zum neuen Schluck und breche damit das polnische Gesetz. Mein Gott ist es kalt! Das Klima ist frostig. Am besten du verhüllst das ganze Gesicht, ja selbst die Nasenspitze. Väterchen Frost, als ob er neben dir steht, dich ärgert, und mit seinen Fingerspitzen jedes sichtbare Stück Haut sucht. Manchmal pustet er dir einfach mitten ins Gesicht. Sein eisiger Atem schmerzt. Du erfrierst innerlich. Wir sind froh über das Tragen einer langen Unterhose. Hier ist sie nützlich, hier will ich sie nie wieder ausziehen. In der Kellerbar: eine Schülergruppe trinkt Cocktails und singt herzhaft polnische Karaoke Songs. Es ist gemütlich warm. Eine Frau liegt mit dem Kopf auf dem Tisch. Sie schläft den Rausch aus. Besorgt sitzt der Gatte ihr gegenüber. Er starrt sie hoffnungsvoll an, doch es passiert nichts. Er möchte gehen, doch sie denkt nicht daran aufzuwachen. Armer Kerl, ich weiss nicht, ist er nun Gentleman, da er sie schlafen lässt ohne zu bedrängen, oder hat er keine Eier, man weiss es nicht. Irgendwann schliesslich hebt die Frau ihren Kopf hoch, ein wahrlich seltener Moment, das spüren wir alle sofort, ich merke nun ihr kantiges, drahtiges, faltiges Männergesicht, als ob sie 40 Jahre in der Zeche durchgeackert hätte, als ob sie ein Recht auf ihren Rausch hätte. Sie dreht den Kopf nach links, nach rechts, er wittert nun seine Chance endlich zu gehen. Er legt den Arm auf ihre Schulter, will gutmütig signalisieren, dass es jetzt besser ist sich aufzumachen, zu gehen, sich zu verabschieden, und sie, sie schaut ihn kurz an, und fällt wieder in den Dornröschen Schlaf. Ihr Kopf knallt zurück auf den Tisch und damit besiegelt sich sein Schicksal. Ich bestelle Bier & Wodka. Zurück am Tisch wird mir erst richtig klar was ich da bestellt habe. In Gedanken bekreuzige ich mich, ich kippe das Glas schnell herunter. Mein Kotz reiz wird sofort geweckt, diese Stelle ist die Schlimmste, ich konzentriere mich, ich Strecke die Zunge heraus, das hilft, nur noch ein paar Sekunden, dann geht es vorbei. Wie immer. Ich kippe schnell nach mit Bier. Tut gut. Mein Körper hat den Wodka angenommen. Jan schaut mich besorgt an. Er kennt das Schauspiel mittlerweile. Ich will nichts herausfordern, gebe zum Besten alles ist okay, ich bin über dem Berg, und im Stillen weiss ich genau, – das war mein letzter für heute! Der Besitzer bewegt sich zur Bühne. Ein älterer Mann in Schwarz gekleidet. Mir fallen seine Schuhe mit Absätzen auf. Alte Schule. Er spielt und singt, macht sein Ding, wir feiern ihn, die Mädels feiern ihn, und nur wegen ihm, bleiben sie noch ein bisschen, singen die letzten Zeilen laut mit. Berauscht klatschen wir Applaus. Jan grölt Zugabe. Die Stimmung auf dem Höhepunkt. Die Gäste verschwinden. Die Bardamen rufen auf zur letzten Runde. Der süssliche Geruch einer Phantom-Zigarette lockt Begeisterte und Nichtversteher an. Sie kommen hervor. Sie schauen, sie runzeln, sie lassen es geschehen, sie debattieren, sie vergewissern sich, sie können es nicht fassen, doch sie lassen es zu. Niemand zwingt. Niemand dreht am Rad. Am Ende ist alles okay und Warschau schafft den Spagat. Morgen muss ich Geld wechseln.