quo vadis homo

Die Welt ist ein halber Brandherd. In keinem guten Zustand. Es werden zwar keine Kriege geführt, das war mal, doch gibt es viele kleine militärische Konflikte rund um den Globus, die vor Jahrhunderten errichtete Ordnung ist am wanken. Alte und neue Regionen zerfallen, Völker feiern falsche Ideale, ein Nährboden für Zwietracht. Etliche Klimagipfel enden mit bescheidenen Ergebnissen, diesmal wenigstens unterstrich Obamas Anwesenheit die Wichtigkeit solcher Meetings. Unsere Bomben werfen wir ins ungewisse. Und wir staunen, diskutieren, fordern, ducken uns weg. Am Ende wollen alle mehr Geld und Wohlstand. Stabilität. Wir sind am Wachstum interessiert, an endlosen Baustellen, an unserem eigenen persönlichen Wohlstand, so haben wir es gelernt. Wir wollen keinen reinen Wein im Becher, wollen nicht kombinieren, verstehen, uns von oben betrachten. Wir wagen es nicht die Sicht zu ändern. Ein dauerhafter Frieden interessiert uns doch gar nicht, warum den auch, wir haben das Hamsterlaufrad, unsere eigenen wahnsinnigen Struggles wie die Dinge laufen sollten. Ach, zum Teufel noch mal, sollen es doch die anderen richten, so wie all die Jahre zuvor. Still leise das Reale verdrängen, eine urmenschliche Königsdisziplin. Wir ökonomisieren unsere Jüngsten, frische ahnungslose Bürger, wir züchten sie zurecht auf die Wirtschaft, auf den Orkan da draußen, auf Sollen und Haben, auf Gut und Böse. An den Unis, eng beieinander, sitzen leere Erwartungen, sie legen Referate und Folien zurecht, und warten, warten auf den Professor. Überfüllt sind sie, müde, kein Ort für Zeit und Diskussionen, keine Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, bloß Fabriken mit modernen Anlagen zur Massenabfertigung. Menschen, sie verschulden sich jeden Tag, den ihr Traum vom Leben ist mit der Überzeugung verbunden, dass das persönliche Glück allein davon abhängt, möglichst immer viel Geld zu besitzen. Kann man es verübeln? Ist das Fleisch nicht schwach und wir ledig gefügige Diener? Die Verlockung etwas sofort zu kaufen, endgültig zu besitzen, aus welchen Gründen auch immer, würde sogar bei Hingeschiedenen den Instinkt zum Impulskauf wecken. Konsumiere! Die Kapitalismusgegner, gärt da noch überhaupt etwas, sind uns irgendwie fremd, weit weg, wie Anomalien im modernen System, faule Rebellen, die sich vor der Aufgabe drücken sich am Gemeinwohl zu beteiligen, also Steuern zu zahlen. Wir schmeißen Urteile und belächeln ihre Demonstration. Wir halten den Protest für reine Zeitverschwendung. Ihre Attitüden vom “Strassenkampf” sind nicht zeitgemäß für uns, blamabel und immer noch von gestern, dann doch lieber den Tag richtig nutzen, viel sparen, um als Greis nicht vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Das Leben, es ist nicht mehr so sicher und schön wie vor zwanzig, dreißig Jahren. Es gibt keine Garantien mehr. Unsicher ist es, irgendwie schmuddelig, du musst jetzt kämpfen, dir dein Stück der Beute ergattern, wie die Hyänen, musst du dein Opfer umzingeln, hungrig und heulend, in der Nase die Beute, frisches Fleisch, totes Gewebe, die Reihenfolge, von oben nach unten, eine strikte Hierarchie. Alles beim Alten, schon seit Tag X. Opfer und Täter. Arm und Reich. Schön und Hässlich. Schlau oder Dumm. Nie war es anders mit uns. Die künftige Generation wird in Schulden hineingeboren, quasi als Säugling schon in Ketten gelegt, oder noch besser: in eine Schuld hineingeboren. Schuld an der auch wir hängen. Du und ich. Hauen wir den Neugeborenen auf den Popo, und rufen ihnen zu: go find a job! Wie in einem gottverdammter Ring, wie beim WWF Royal Rumble, alle im selben Becken, jeder dem nächsten eine Hyäne. Wer Schwäche zeigt, fliegt. So sind wir, eisern stumpf, herein gedrückt in Stein und Stuck, wie ein Nagel der nicht mehr herauszuholen ist. Ja, wir sind alte rostige Nägel, fest mit der kalten Wand verwachsen, auf ewig mit ihr verbunden, betraut mit nur einer essentiellen Aufgabe, nämlich Dinge an der Wand zu halten. Manchmal denke ich, unser ganzer Irrtum ist ein Teil unseres geliebten Wesens, den weit sind wir schon gekommen, wir, der Homo sapiens. Wie wunderbar können wir uns kümmern, lieben, verzichten, geben, arrangieren, oder gar mitfühlen, und wie herrlich im selben Augenblick großflächig morden, massakrieren, ausradieren, misshandeln oder gar uns selbst zerstören. Wir können das. Wir beherrschen das. Tag für Tag. Jahr für Jahr. Es ist nur eine Wahl. Generationen werden in ferner Zukunft über uns lesen. Fakt! Über unsere Epoche, unsere produktive Zeit hier. Eine Art Abschlusszeugnis, welches sich mit Deutlichkeit ein Urteil über uns erlaubt. Eine ernüchternde Abrechnung. Ein kleines Kapitel, ein paar wenige Jahre Menschheitsgeschichte auf dem Gestirn, ein kurzer Moment, ein Augenblick, ein mickriges Sandkorn, abgelegt in der Trockenwüste. Unser Vermächtnis. Es wird den zukünftigen Nachzüglern obliegen, endlich mit einem entschlossenen Schritt aus der Legasthenie der Jahrhunderte herauszutreten. Endlich sich dem Gemeinwohl und nicht vorrangig, dem Eigenen anzunehmen.